Die Sicht aus Wyoming: Ein großes Volk mit einem kleinen Präsidenten

05/11/2017

Von Andrew Denison

Die Sicht aus Wyoming:  Ein großes Volk mit einem kleinen Präsidenten

Das amerikanische Volk ist ein wildes, strittiges Gemisch allerlei Stämme jeder Lebensrichtung und Sinnesorientierung. Amerika ist eine spannungsgeladene globale Nation. Die Einheimischen sind alle eingewandert und eigenwillig. In Amerika ist Politik weniger Beruf als Leidenschaft, und in der Politik, wie in der Physik, gibt es für jede Aktion eine Reaktion. Barack Obama war eine Reaktion auf George W. Bush, Donald Trump eine Reaktion auf Barack Obama und Hillary Clinton. Und jetzt kommt die Reaktion auf Trump, und die ist groß. Doch Amerika ist diesem Konflikt gewachsen. Ein längerer Aufenthalt in Laramie, Wyoming, hat mir das klargemacht.

Politik in Amerika ist Leidenschaft, doch Politik ist für Amerikaner nicht alles. Politik ist oft sehr weit entfernt, Washington weit weg. Begrenzte Staatsmacht ist gute Staatsmacht — ein altes amerikanisches Credo gilt heute noch. Die politische Lage in Amerika ist ernst, doch dieses große Land, dieses große Volk lebt für viel mehr als die Politik. Außerhalb der Politik, wo das tagtägliche Leben stattfindet, stehen die Amerikaner eher zusammen als gespalten.
 
Großes Land, großes Volk — Fly-Over Country
Amerikas gesellschaftlicher Zusammenhalt und geographische Größe machen die ernsthaften politischen Auseinandersetzungen unserer Zeit ertragbar. In Amerikas großer Vielfalt bleibt die Einheit überall zu sehen, selbst hoch in den Rocky Mountains, raues Rückgrat des amerikanischen Herzlands. Viele nennen Amerikas Mitte „fly-over country“, doch man sollte nicht nur auf sie hinabschauen, denn sie geht mit ins 21. Jahrhundert, zeigt in manche Hinsichten sogar die Zukunft Amerikas — Hi-Tech, selbstständig, umweltbewusst.

In Laramie, Wyoming bin ich aufgewachsen, ging da in die Schule, verbrachte viel Zeit in den Bergen, fuhr zu schnell auf Schotterpisten und genoss es, wie all meine Freunde, schießen zu gehen, auf bewegliche Ziele am liebsten — doch das war meistens verboten, selbst in Wyoming. Ich kehre mit meiner Familie fast jedes Jahr dahin zurück, auf ein Stück felsiges, karges, dünn bewaldetes Land, in eine schlichte Hütte ohne Internet und ohne fließendes Wasser. Solarstrom sorgt für Licht, Holz für Wärme und die Berge für Inspiration.

Dort ist man wirklich in der Mitte von Nichts. Die Größe des Landes, die unendliche, menschenleere Weite, erinnert daran, wie weit weg vom Washington das Leben der meisten Amerikaner ist. Amerika bleibt ein großes Land, Washington, eine kleine, entfernte Stadt. 
Amerika hatte zwar noch nie einen Präsidenten wie im Sommer 2017. Donald Trump dominiert aber nicht das tagtägliche Geschehen der so hyperaktiven, sich ständig neu organisierenden Amerikaner. Dies gilt sowohl in Wyoming, einer Hochburg der Republikaner, wie im Nachbarstaat Colorado, einem der liberalsten, grünsten, digitalisiertesten Bundesstaaten Amerikas.

Colorado, mit seinen 5,5 Millionen Einwohnern, ist eine Mischung aus Texas und Kalifornien, für manche ein Zukunftsmodell für das ganze Land. Colorados Hauptstadt Denver ist Kern einer Megalopolis dicht vernetzter Siedlungen entlang der Ostseite der Rocky Mountains, die sich von Albuquerque, New Mexico bis nach Cheyenne, Wyoming, erstrecken. Colorado ist unheimlich jung. Die große Menge der Jugendlichen fällt überall auf (Durchschnittsalter in Colorado 36, in Deutschland 44). Die Älteren, die Achtundsechziger, fallen auch auf — fit, engagiert, und chic.

Wyoming ist nicht Colorado. Es liegt zu hoch, bleibt zu lange kalt, um viele neue Einwohner an sich zu ziehen. „Wie Sibirien“, sagen die Einheimischen. Daher bleibt Wyoming unter den 50 Bundesstaaten Amerikas der mit der geringsten Zahl der Einwohner. Nur 600.000 zähe Seelen bewohnen diesen Bundestaat der hohen Prairie und Dreitausender. Wyoming hat eine Fläche so groß wie die Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung — die damals mit 60 Millionen die hundertfache Bevölkerungsdichte Wyomings hatte. Die meisten Menschen bleiben nicht lange in Wyoming, fahren schnell durch oder fliegen schnell rüber, auf dem Weg zur Küste, nach Kalifornien, wo heute 40 Millionen Menschen zu Hause sind, oder nach Texas, mit 27 Millionen, oder zum Bundesstaat New York, mit 20 Million.

Unter den Bundesstaaten ist Wyoming auch Nummer eins in seiner konservativen Orientierung. Schon lange gilt der Behauptung: No state is redder – kein anderer Bundesstaat ist republikanischer. Donald Trump gewann 68,2 Prozent, Hillary Clinton 22 Prozent. Mit 46 Prozent war die Marge sonst nirgendwo in der USA so groß. Und Wyoming hat zwei Senatoren, genau wie Kalifornien. In Wyoming gibt es einen Wahlmann für jede 200.000 Einwohner, in Kalifornien, einen Wahlmann für jede 880.000. (So konnte Donald Trump mit 46% der Stimmen (61.201.031) gegen Hillary Clinton mit 48% der Stimmen (62.523.126) gewinnen.) Seit 1789 gilt in den Vereinigten Staaten:  jeder Bürger eine Stimme und jeder Bundesstaat einer Stimme.

Wyoming ist republikanisch, weil die Menschen in Wyoming Washington gegenüber sehr misstrauisch sind. Autoaufkleber auf manchem Pickup Truck, samt Gewehrgestell im Hinterfenster, erklären „I love my country, I fear my government“. Man brauche also keine Straßen und keine Steuern bezahlen, sondern nur einen ausreichend großen Pickup. Diese Wyoming Cowboys wollten Hillary nicht, aber mancher ist schon misstrauisch gegen Trump, meint er sei pompös, undiszipliniert. In Wyoming sind weniger Worte oft besser. Dick Cheney, George W. Bushs Vize-Präsident kam aus Wyoming, sagte wenig, doch bewirkte viel. Jetzt ist seine Tochter, Liz Cheney, Wyomings einzige Repräsentantin im US-Repräsentantenhaus — und sie ist nicht immer Trump-freundlich.

Wyoming ist auch Nummer Eins, wenn es um Schusswaffen geht (Demographicdata.org). Für jede 10 Menschen gibt es 6 Schusswaffen. In keinem anderen Bundesstaat gibt es eine solche Waffendichte. Wyoming hat allerdings nicht die höchste Mordrate, sondern Louisiana, wo die Mordrate, mit 11 / 100.000 den nationalen Durchschnitt (5,3), auch den von Wyoming (3,4) weit übertrifft. In Deutschland ist der Mordrate bei 0,86. Wyoming hat relativ wenig Morde – angeblich, weil die Menschen so weit auseinanderleben, dass sie keinen guten Treffer landen können. Allerdings, dort, wo man glaubt, man brauche keinen richtigen Staat, sondern nur ausreichend Munition, können viel Wind, wenig Menschen, und unendliche Winter gefährlich werden. Mit 30 / 100.000 hat Wyoming die höchste Selbstmordrate der USA. Zusammenaddiert mit den Morden hat Wyoming daher auch einer der höchsten Todesraten durch Schusswaffen. Ein Fakt: Schusswaffendichte korreliert mit Schusswaffentod.

Doch wissen die Bürger Wyomings sich auch friedlich und höflich zu verhalten. Als Mitte August über eine Million Gäste nach Wyoming strömten, um die große amerikanische Sonnenfinsternis dort zu erleben, wo die Luft am dünnsten und die Sicht im besten ist, lief alles in geordneten Bahnen, und Wyoming feierte das größte Fest seiner Geschichte. Alle staunten, wie der Mondschatten vom Horizont heranraste. Alle staunten, wie eine schwarze Scheibe, umrandet von einer enormen Corona feiner, weißer, flimmernde Strähnen einen dunklen, sternenpunktierten Himmel dominierte.

Nach der Euphorie dieses knapp drei Minuten dauernden Spektakels kam aber die lange Rückfahrt. Als die Million Gäste sich alle gleichzeitig auf den Weg nach Hause machten, stauten sich die Straßen und Schotterpisten in unendlich lange Autokolonnen. Zurück in die Großstadt Denver dauerten die 200 Kilometer über zehn Stunden. Doch alle blieben friedlich, feierten weiter, ob im Pickup Truck mit Waffengestell oder im Prius Hybrid mit Fahrradgestell. Ein großes Volk zeigte sich in großer, froher Menschlichkeit in den Tagen der Sonnenfinsternis.  

Dann kamen die Naturkatastrophen — Sturm, Flut, Feuer. Sie zeigten auf ganz anderer Art, wie das große Volk Zusammenhalt finden kann. In Texas, Florida und Kalifornien haben sich die Menschen zusammengeschlossen, um gemeinsam die Zerstörung zu überleben, die Verluste zu überwinden. In Houston, gehämmert von Hurrikan Harvey, waren first-responders, die Polizei und Feuerwehr, weitgehend hispanisch, und ihr Erscheinen in den nationalen Medien mit herzbewegenden Rettungsgeschichten zeigte ein Land, das seine Einwanderer doch sehr zu schätzen weiß. Die Naturkatastrophen 2017 machen Trumps Mauer und seine Einwanderungspolitik noch realitätsfremder als bisher.

Nicht nur die Dimension des Schadens macht es unwahrscheinlich, dass Geld für eine Mauer mit Mexiko übrigbleiben wird, sondern auch sehr wahrscheinlich, dass hispanische Männern die ganze dreckige Aufbauarbeit erledigen werden. Es gibt eher ein großes Tor als eine Mauer an der Rio Grande — um dringend benötigte Arbeiter schnellstens hereinzulassen. In Florida und Kalifornien muss massiv wiederaufgebaut werden — doch das ganze Land leidet an einem kritischen Mangel an Bauarbeitern. Die Gastarbeiter, die nach der Wirtschaftskrise 2008-9 nach Hause gingen, sind noch nicht wiedergekommen. Jetzt braucht man sie.

Trotz Trump bleibt das große amerikanische Volk ein einwanderungsfreundliches Land wie kein anderes, wo die schlausten, ehrgeizigsten Menschen der Welt immer noch hingehen wollen—sowie die, die bereit sind, Amerikas Drecksarbeit zu erledigen. Amerikanische Anziehungskraft und Gastfreundlichkeit sind nicht von einem Präsidenten zu erlöschen.
 
Ein immer kleiner werdender Präsident
Ein großes Land, ein großes Volk, und ein immer kleiner werdender Präsident—das ist Amerika nach mehr als 300 Tage Trump. Trump ist eine Reaktion auf der Präsidentschaft Barack Obamas. Jetzt kommt die Reaktion auf Präsident Trump und sie ist vielfältig, breit gefächert und bildet die Mehrheit. Nicht ohne Grund sinkt die Unterstützung für Donald Trump immer weiter. Mit 46 Prozent der abgegebenen Stimmen hat Trump die Wahl gewonnen. Ende Oktober erreichte er einen neuen Tiefpunkt: nach Gallup und Wall Street Journal/NBC unterstützen ihn nur noch 38 Prozent der Amerikaner.

Politik ist natürlich mehr als Opposition. Das Land muss weiter regiert werden. Selbst in Trump-Zeiten gilt das alte Credo der Politik: Zusammen wo möglich, gegeneinander wo nötig. Doch die amerikanischen Präsidenten kommen und gehen und die amerikanische Interessen bleiben bestehen. Insoweit wie Trump diese Interessen verletzt, sich als lern- und kompromissunfähig zeigt, wird die Opposition gegen ihn wachsen.

Zusammen wo möglich, gegeneinander wo nötig. Der amerikanische Kongress macht aber kaum etwas „zusammen“ mit Donald Trump. Obama-Care steht noch. Trump ist es nicht gelungen, eine Mehrheit im Kongress für deren Abschaffung zu organisieren. Nach 9 Monaten hat Trump aus dem Kongress nur einen großen Erfolg geholt: die Bestätigung seines Kandidaten, Neil Gorsuch, als neuer Richter des Supreme Court. Sonst hat er kaum Mehrheiten für seine Politik gefunden.

„Gegeneinander“ war der Kongress aber immer wieder. Ob bei NATO, Russland, oder dem Haushalt, es gab überparteiliche Mehrheiten gegen Trump. Im Senat bröckelt jetzt die republikanische Mehrheit von 52 auf 48. Drei einflussreiche republikanische Senatoren — John McCain, Bob Corker, Jeff Flake — kritisieren Trump hart und öffentlich. McCain ist Vorsitzender des mächtigen Verteidigungsausschusses und Corker hat den Vorsitz des Außen-Ausschusses—alle beide bis Januar 2019.

Als Trump Sympathie für die weißen Nationalisten in Charlotte, Virginia, äußerte, meldeten sich auch die drei republikanischen Abgeordneten aus Wyoming. John Barrasso, Mike Enzi und Liz Cheney sagten, es gäbe keinen Platz für solch „schändliches“ Neo-Nazi Gedankengut. Die Gründungsväter Amerikas wollten, dass der Kongress die Oberhand beim Regieren innehaben sollte. In unserer Zeit scheint jedoch der „imperiale“ Präsident zu dominieren. Doch ohne Kongress kann er nicht regieren. Ohne Kongress ist nichts von Dauer, ohne Kongress ist nichts zu bezahlen, ist nichts in Gesetz umzuwandeln. Gibt es überparteiliche Mehrheiten, ist der amerikanischen Kongress in der Tat viel mächtiger als der Präsident.

Die Bundesstaaten lernen, um Donald Trump herum zu arbeiten. Kalifornien und Colorado pochten auf „state’s rights“, wollen ihren Reichtum nutzen um eigene Wege zu gehen. Subsidiarität, American Style. Die Regierungsfürchtenden in Wyoming wollten sowieso nie auf Washington hören. Doch im Rechtsstaat Amerika wird Trump nicht nur politisch eingehegt, sondern auch juristisch.

Robert Mueller, mächtiger Sonderermittler, von Trumps eigenem Justizministerium eingestellt, bringt alles was Trump und seine Förderer machten (und machen werden) unter die rigorose Lupe des Gesetzes. Die besten Staatsanwälte Amerikas arbeiten mit Mueller zusammen, und sie werden sicherstellen, dass der amerikanische Präsident auch dem amerikanischen Recht untersteht. 

Es gibt Gründe, warum Präsident Trump an Unterstützung verliert. Sein erstaunlicher Wahlsieg gab seiner Arroganz damals eine gewisse Legitimation. Doch heute gilt er als Verlierer, ohne Erfolg im Kongress, ohne funktionierendes Weißes Haus, überwältigt von Krisen zu Hause und in der Welt. Es gab kaum einen Präsidenten in der Geschichte Amerikas, der nach 9 Monaten im Amt so schwach war, ob in den Meinungsumfragen, im Kongress, oder im Sinne seiner chaotischen, unterbesetzten Regierung. Sein ständiges Selbstlob scheint zunehmend realitätsfern.

Doch eins kann er immer noch meisterhaft — Schlagzeilen machen, Konflikte provozieren, die Wundstellen der amerikanischen Gesellschaft aufreißen — um von Fehlern und Verfolgern abzulenken. Er bleibt wie ein Sirenengesang für die Medien. Hier muss Amerika eine Abwehr entwickeln, aber Amerikaner sind grundsätzlich zu optimistisch und zu engagiert, um dauerhaft von Panikmache abgelenkt zu werden.

Zum Teil besteht die Opposition also auch darin, der Tweeter-in-Chief einfach zu ignorieren. Auf jeden Fall scheinen seine Worte immer weniger zu bedeuten. Amerika wird mit diesem Mann fertig werden, und in Amerikas Reaktion wird die ganze Welt neue Wege finden, mit unserem schnellwandelnden, aber nicht unbedingt post-faktischen Zeitalter zu leben.
 
In Amerika investieren
Wie auch immer die Trump-Präsidentschaft zu Ende geht, bleibt Amerika ein großes, reiches Land mit einem großherzigen, gastfreundlichen Volk. Auch in Zeiten von Trump ist keine andere Supermacht in Sicht. Amerika genießt unter den Großmächten der Welt eine einmalige Balance zwischen Einheit und Vielfalt, eine Balance, die Innovation, Reichtum und Macht sehr zu Gute kommt.

Amerikas Aufstieg zur einzigen Supermacht ist nicht mit einem Präsidenten zu erklären. Amerika als Leuchtturm der Welt, englischsprechender Kulturhegemon, einladend und abstoßend, Vorbild und Feindbild zugleich; auch Amerikas Führung über die letzten 70 Jahre – einem goldenen Zeitalter von Frieden, Freiheit und Wohlstand, wie es die Welt noch nie gesehen hat – all dies ist nicht mit einem Präsidenten zu erklären. Ein Präsident kann es auch nicht fertigbringen, Amerikas Interesse an Frieden, Freiheit und Wohlstand für sich selbst wie auch für andere auszulöschen.

Dieses Ethos der Großherzigkeit und des Zusammenhalts in der Vielfalt ist auch in Wyoming zu finden, besonders am Campus der University of Wyoming, wo Wissenschaft und Wahrheit gepflegt werden, wo Wyomingites von den kleinen Städten und Ranches zusammenkommen mit denen aus anderen Teilen der USA, und erstaunlich vielen aus allen Ecken der Welt. Die University bietet ein Fenster in die Welt, macht Wyoming der Globalisierung mächtig, bringt den Studenten auch ein Verständnis für die Einwohner des Fly-Over-Country, die mancher Diplomat in Washington gut brauchen könnte.

Eine Investition in diese Institution ist eine Investition in die Nachhaltigkeit und Großzügigkeit Amerikas. Als Alumnus dieser kleinen, aber feinen Universität habe ich also heute eine ungewöhnliche Bitte: Zeigen sie, wo Ihr Herz liegt und spenden Sie für die Forschungsstipendien des Center for Global Studies der University of Wyoming.