Afghanistan – Gedanken und Szenarien

31/08/2021
Wie geht es weiter in Afghanistan?

Die Bilder sind erschreckend, niederträchtig ist die Tat der Terror-Organisation ISIS-K. Einen hohen Blutzoll bezahlen Amerikas afghanische Freunde, so wie die US-Marines. Wieder sehen wir einen Krieg nicht gegen Islam, sondern innerhalb des Islams—der aber die ganze Welt beschäftigt.

Die US-Marines an den Checkpoints, die Soldat*innen aller beteiligten Länder, die Piloten der sehr verwundbaren, flüchtlingsbeladenen Flugzeuge, sie erfüllen hartnäckig ihren Auftrag. Held*innen allesamt. Über 120,000 Menschen haben sie in den letzten Tagen hinausgeschafft—die meisten davon Afghanen. Das waren bis zu 15.000 pro Tag, die durch die Kontrollstellen gehen mussten. Der Frankfurter Flughafen, fördert 50.000 Passagiere an seinen verkehrsreichsten Tagen —die jedoch nicht alle um ihr Leben fürchten müssen.

Die Nerven zu behalten, die Kontrolle nicht zu verlieren, diese horrende humanitäre und militärische Aufgabe in den nächsten Tagen zu bewältigen— vom Abbey Gate bis zum Oval Office wird von allen Beteiligten höchste Konzentration und Anstrengung verlangt. Dieser Balance-Akt in der unglaublichen Dynamik der Ereignisse ist nicht zu Ende, doch es ist zu früh, die Evakuierung als gescheitert, Biden als inkompetenten Strategen, Amerika als untergehendes Imperium abzuschreiben.

Das trifft eher auf die zu, die eine riskante, krisenhafte Endphase der westlichen Militärpräsenz in Afghanistan für unvorstellbar gehalten haben.

Bleibt Biden ehrlich, wenn es um die möglichen Gefahren geht, aber auch um seine eigenen Fehleinschätzungen, erwähnt er immer wieder die größeren Ziele, um die es geht, dann kann er Glaubwürdigkeit bewahren und zurückgewinnen.

Tanz mit den Taliban
Die Biden-Regierung hat sich gegenüber den Taliban verpflichtet, den Kabuler Flughafen bis zum 31. August zu räumen—auch wenn der US-Präsident gleichzeitig von Optionen spricht, über diesen Termin hinaus zu bleiben. Letztendlich muss Biden immer wieder von diesem Datum sprechen, um die Zusammenarbeit mit der Taliban zu sichern. Ohne Zustimmung der Taliban gäbe es keine Evakuierung ohne Blutbad. Ironischerweise bieten die Herrschenden der Taliban nicht nur Zustimmung an, sondern Zusammenarbeit bei der Kontrolle und Sortierung der Masse von Menschen, die aus Afghanistan raus wollen. Man traut den Taliban genug, um den Chef der CIA, William Burns, nach Kabul zu schicken, um eine vorübergehende Geschäftsgrundlage dieses friedlichen Nebeneinanders mit Taliban-Führer Abdul Ghani Baradar auszuarbeiten.

Die 170 Toten am Flughafen erinnern die Taliban vielleicht daran, dass sie schlimmere Feinde als Amerika haben. Dieses Selbstmordattentat macht die Zusammenarbeit zwischen Taliban und USA notwendiger als zuvor. Gemeinsam den Kabuler Flughafen offen zu halten, eine humanitäre Katastrophe abzuwenden, auch die Wirtschaft und Staatlichkeit Afghanistans vorerst aufrecht zu erhalten, sind Gründe für weitere Zusammenarbeit zwischen Taliban und USA bei der Evakuierung – und danach.

Die deutsche Überraschung über den schnellen Fall von Kabul, das Entsetzen über die fehlende Vorwarnung, die Verwunderung über die chaotische Endphase des Rückzugs, sollten auch die Deutschen zum Nachdenken zwingen, auch zum worst-case Nachdenken — auf den die Außenpolitiker auch eine Antwort parat haben müssen.

Aus der Geschichte zu lernen, mit einer tragischen Sensibilität die Welt zu betrachten, wäre wichtig, eine vom Vorsorgeprinzip geleitete „TÜV-Strategie“ für die deutsche Sicherheitspolitik wäre noch wichtiger.

Denken in Szenarien
Die Zukunft Afghanistans steht offen, auch wenn eine Fortsetzung des Status quo unwahrscheinlich scheint. In den Verwirrungen des Moments ist orientierungsgebendes Zukunftsdenken besonders gefragt. Ohne Strategie ist Taktik sinnlos. Das Handeln von heute muss im Zusammenhang mit den Möglichkeiten von morgen gesehen werden. Die Strategie lebt von den Szenarien. Einige Entwicklungslinien kann man sich bei Afghanistan bereits vorstellen.

Krieg aller gegen alle
Afghanistan könnte in einen Krieg aller gegen alle zerfallen, also Anarchie statt Taliban-Tyrannei. Keine Einheit in der Vielfalt. Das fragmentierte Land bleibt fragmentiert. Libanons Bürgerkrieg (1975-1990) ist der klassische Fall, in Bosnien (91-95) sah es manchmal ähnlich aus. Das Land kann nur Krieg, sagen manche Zyniker.

Blutrünstige Taliban-Tyrannei
Afghanistan könnte so aussehen wie die von ISIS beherrschten Gebiete in Irak (Ramadi, Falloujah, Tikrit, Mosul) und Syrien (Deir ez-Zur, Racca), also brutale, blutrünstige Herrschaft, Massengräber ohne Ende und Anziehungspunkt für allerlei Rekruten aus der ganzen Welt. Flüchtlinge würden das Land in Scharen verlassen. Die humanitären Folgen, die Bilder wären furchtbar. Die politischen Konsequenzen in den Anrainerstaaten, ob Pakistan, Iran, Tadschikistan, Usbekistan, China, oder auch im Westen, werden alles komplizierter machen.

Pakistans Taliban
Afghanistan könnte eine Marionette Pakistans werden, wo die Taliban ihr Geld und ihre Marschbefehle aus Islamabad bekommen. Ob diese „strategische Tiefe“ gegenüber Indien es Islamabad wirklich wert ist, bleibt eine andere Frage. Manche Fundamentalisten machen keinen Unterschied zwischen der pakistanischen Regierung und ihren anderen Feinden – denken wir Benazir Bhutto. Inzwischen sind die Bautrupps der Chinesen in Pakistan ebenfalls Ziel fundamentalster Selbstmordattentäter. Ein mit Kernwaffen ausgerüstetes, mit Dschihadisten taktierendes Pakistan ist so oder so eine große Gefahr für den Westen.

Taliban und USA gegen ISIS-K
Afghanistan könnte einen Siegeszug von ISIS-K erleben, so wie es in Irak und Syrien passiert ist. In Irak gingen US-Kampfsoldaten 2011 komplett aus dem Land, denn das wollte die al Maliki-Regierung in Bagdad unbedingt erreichen, um ihre eigene Selbständigkeit zu zeigen, wenn nicht gar um ihre iranischen Freunde zu beschwichtigen. Nach der blitzschnellen Offensive von ISIS im Jahr 2014, wo die teuer ausgebildeten irakischen Streitkräfte genauso schnell wie die afghanischen ihre Position geräumt haben, gingen die Amerikaner wieder hinein, wenn auch mit anderer Taktik. Irak hat heute immer noch Probleme, aber ISIS sind nicht mehr das, was sie waren. In Afghanistan könnten US-Soldaten wieder vor Ort sein, um mit den Taliban gegen ISIS-K zu kämpfen, auch um die humanitären Konsequenzen abzufedern.  

Die Herausforderungen Afghanistan gehen nicht weg; die Amerikaner werden immer Pläne haben, wie sie in Afghanistan mit militärischen Mitteln ihre Interessen schützen können, ob bei der Terroristenbekämpfung oder in der Großmachtpolitik gegenüber Russland und China und Iran.

Proxy War
Afghanistan könnte wie Syrien aussehen, wo mehrere Nachbarn und Großmächte Truppen halten, Milizen unterstützen, Luftangriffe fliegen, und mit den Flüchtlingen samt humanitären Katastrophen Machtpolitik machen. Stellvertreterkriege sind, historisch gesehen, eine besondere Spezialität Afghanistans. Ein Afghanistan, wo die chinesischen, iranischen und russischen, pakistanischen, türkischen und westlichen Kräfte allerlei hybride, zunehmend cyber-gestützte Kriegsführung verfolgen, würde keinen überraschen.  

Klient Chinas
Afghanistan könnte zum Klienten Chinas werden, wie Beijing es schon mit Pakistan versucht. China könnte die westlichen Finanzspritzen ersetzen, Afghanistan in die großen Infrastruktur-Projekte einbinden, um Öl und Gas aus dem Persischen Golf für China zu sicheren. Könnte China diese ganze Region entwickeln und befriedigen– dann verdiente China den Namen und die Rolle des Primus inter pares. Aber die meisten Beobachter erwarten mehr Konflikte entlang der neuen Seidenstraße, und sei es nur aus dem Grund, dass Indien sich gegen den wachsenden chinesischen Einfluss wehrt.

Friedlich und weltoffen
Afghanistan könnte Einheit in seiner Vielfalt finden, die Taliban könnten mit der verwestlichten Jugend ihres Lands gemeinsame Nenner finden, eine neue Synthese von religiöser, aber toleranter Selbstbestimmung. So hat der Libanon 1990 seinen Bürgerkrieg (weitgehend) beendet. Die Bevölkerung Afghanistans (22 Millionen im Jahr 2000, 38,9 Millionen im Jahr 2021) ist von der westlichen Wirtschaftshilfe abhängig. Zeigen die Taliban Kompromissbereitschaft, Friedfertigkeit und Respekt der Menschenwürden gäbe es die Möglichkeit, diese Hilfe weiterhin zu bekommen, mit dem Land und seinen Menschen engagiert zu bleiben. In Afghanistan gehen die militärischen Einsätze des Westens erst einmal zu Ende. Jetzt sind die Diplomaten und Entwicklungshelfer gefragt—angeblich eine deutsche, wenn nicht europäische Gabe.

Ein zweites Vietnam
Afghanistan könnte den Weg Vietnams gehen, wo Präsident Clinton 1995 die diplomatischen Beziehungen wieder aufnahm und das Land im Jahr 2000 besuchte. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Kamala Harris am Tag des Flughafen-Anschlags in Vietnam war – sie sprach von 100 Millionen Impfstoffdosen, die Amerika den Vietnamesen schenken würde, und rügte China für sein Vorgehen im Südchinesischen Meer.

Russland und China nutzen die Krise aus
Afghanistan könnte schnell weniger wichtig werden. China oder Russland könnten diese Krise ausnutzen wollen, um dem Westen zu schwächen. Im Weißen Haus, im State Department, im Pentagon konzentrieren sich alle jetzt auf Afghanistan. Ein Kategorie 4 Hurrikan wütet in Louisiana. Und wer passt auf die Grenze zwischen  Weißrussland und Litauen auf, wo Streit um Flüchtlinge zu eskalieren droht? Wie ist mit Russlands Militärübung, Zapad 21, in Belarus und an der ukrainischen Grenze umzugehen? Was ist mit dem angeblichen Havanna Syndrom bei US-Botschaftspersonal in Berlin? Wann kommt der nächste Hack?

Was will Deutschland, was soll Deutschland?
Die Bundeswehr hat Afghanistan inzwischen verlassen, aber Deutschland hat weiterhin ein Interesse an den Entwicklungen in und um Afghanistan. Strategisches Denken ist notwendig.

Hoffentlich hilft die Erfahrung in Afghanistan, diese Fragen nachdenklich und nachhaltig zu beantworten.