Das ewige Streben nach der Unabhängigkeit

04/07/2021
Gedanken zum 4. Juli von Andrew B. Denison

An diesem Fourth of July feiern die Amerikaner das Jubiläum ihrer Unabhängigkeit, die Verabschiedung der Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli 1776. An diesem Tag sieht man, die Amerikaner sind ein Volk, das noch nicht aufgehört hat, nach Unabhängigkeit zu streben. Amerikaner wollen sich befreien, ihre eigenen Wege gehen, ihre eigenen Träume verfolgen, ihre eigenen Stämme feiern. Sie wollen sich loslösen von allerlei Verpflichtungen, Hindernissen, auch Kompromissen, die der eigenen, auch nationalen Selbstentfaltung im Wege stehen. Sie wollen die Selbstbestimmung. Daß die Welt nicht so funktioniert, wissen die Amerikaner inzwischen, an allen Tagen außer vielleicht dem Fourth of July. Doch gewährleistet dieser sehr chaotischer Pluralismus eine einmalige Resilienz und Anpassungsfähigkeit.

Life, Liberty, and the Pursuit of Happiness
Heute feiern die Amerikaner eine alte Tradition, die 2021 in einem neugestalten Land begangen wird – ein Land, das sich langsam von den Qualen der Pandemie befreit, ein Land, wo die Menschen sich auf neue Weise von all den alten Funktionsstörungen unabhängig machen wollen, ob in der Politik, am Arbeitsplatz, in der Bildung, bei der Gestaltung der Sozialpolitik, oder in der eigenen Familie und mit der eigenen Lebensphilosophie.

In der Unabhängigkeit glaubten die Gründungsvätern, die menschlichen Grundrechte einfacher  erlangen zu können. Sie sprachen davvon, wie Life, Liberty, and the Pursuit of Happiness, sie wollten Frieden, Freiheit, Wohlstand für sich selbst, zunehmend auch für andere, in der Überzeugung, dass je mehr Menschen vom Segen der Demokratie und begrenzter Staatsmacht profitieren, desto sicherer, freier und glücklicher die Amerikaner seien.

Die Gefahren der Freiheit
So vergessen die Amerikaner aber nicht, dass die Autokraten der Welt immer schwacher und isolierter werden – was die Autokraten sehr wohl wissen, und was ihre ständige Subversionspolitik gegen den Westen, ihre mangelnde Kompromissbereitschaft mit den Demokratien erklärt. 

Amerikaner kennen solche Herausforderungen; im Kalten Krieg war es nicht viel anders. Nur das Spielfeld, wenn nicht das Schlachtfeld, hat sich mit neuen, vernetzenden, auch verwirrenden Technologien, geändert. Die Vernetzung, die radikal steigende Zahl der Daten und Schaltkreise macht alles viel komplizierter, selbst wenn die Herausforderung der alten euroasiatischen Imperien, der nuklearbewaffneten Großmächte, China und Russland, bestehen bleibt.

Konkurrierende Geschichten
In diesen immer dichteren Vernetzungen, in diesem Sozialen-Netzwerk-Zeitalter sind die gegenseitig konkurrierenden Geschichten noch wichtiger als im Kalten Krieg.  Die Darstellungen des eigenen Erfolgs im Umgang mit den vielen Herausforderungen unserer Zeit ist von größter Bedeutung für die Zukunft der Demokratie in einer Welt der aufsteigenden Autokratien.

Die Geschichten dieser Kompetenz müssen sich allerdings in der gelebten Realität wiederfinden können. Ohne die Probleme pragmatisch zu lösen, so das viel mehr Menschen von guten Investitionen des Staates profitieren können, gibt es keine überzeugenden, machtspendenden Geschichten. In Präsident Joe Bidens drei großen Reform-Initiativen, die American Rescue Plan, American Jobs Plan, und American Families Plan, strebt die neue Regierung danach, pragmatisch die notwendige Investition zu machen, um die Geschichte des American Dreams wiederzubeleben, um die führende Rolle Amerikas in der Gestaltung der Globalisierung zu kräftigen.  Kommt nur ein Teil dieser Pläne durch den US-Kongress, werden Wirtschaft und Gesellschaft sich gründlich modernisieren, werden Amerikaner innovativer und einflussreicher sein als jehehr. 

Hiermit will Biden die Narrative ändern, die Narrative über die Kompetenz der amerikanischen Demokratie, aber auch über die Nachhaltigkeit der amerikanischen Macht.  Geopolitik fängt zu Hause an—mehr als je zuvor.

Die neue Mündigkeit
Viele ausgeschlossene Menschen gibt es in der USA, manche schwer erkämpfte Rechte sind ausgehöhlt worden. Entwürdigend ist dies allemal, aber die Produktivkräfte dieser Menschen, ob Frauen oder Schwarze oder verarmte Weißen,  gehen somit auch verloren. Hier sind Hindernisse und Blockaden aufzulösen, hier sind die Träume–unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe oder Herkunft—möglich zu machen.  In dieser neuen Mündigkeit, die nach Covid-19 für Amerikaner viel wichtiger geworden ist, kann Amerika nicht nur neuen Reichtum, sondern einen neuen sozialen Frieden einleiten. 

An diesem Fourth of July ist ein anderes Gesicht Amerikas zu erkennen, eines das nach Einheit in der Unabhängigkeit strebt, das sich von den alten Grabenkämpfen befreien möchte, um gemeinsam mit Freunden und Verbündeten, rund um die Welt, sich von den sozialen und ökologischen Erblasten zu befreien, um die neuen strategischen Höhen des Informationszeitalters einzunehmen, denn nur so ist die Demokratie zu stärken, ist die Unabhängigkeit von der Tyrannei zu gewährleisten.