Deutschland verliert einen guten Freund

14/12/2010

Von Andrew Denison

Wolfgang Ischinger und Richard Holbrooke bei der Münchner Sicherheitskonferenz

Richard Holbrooke, der wahrhafte Amerikaner, hat viel für Deutschland getan. Als Botschafter in Bonn, als Friedensstifter in Bosnien, als Präsident Clintons Mann bei der UNO, als regelmäßiger Teilnehmer beim Münchener Sicherheitskongress, als Hüter der deutsch-amerikanischen Beziehungen in den schwierigen Bush Jahren – Holbrooke erkannte die Bedeutung Europas für Amerika. In den letzten zwei Jahren kämpfte er an dem hartnäckigsten Sicherheitsproblem unserer Zeit. Afghanistan und Pakistan, wo Bürgerkrieg und Kernwaffen die globale Schlagader zu zerreissen drohen — und damit auch Europa. Am Hindu Kush, in den Ländern rund herum, und in den Hauptstädten der Welt war Holbrooke unermüdlich unterwegs. Jetzt ist er gefallen.

Als Botschafter in Bonn kurz nach Ende des Kalten Krieges prägte er die Formulierung von “Amerika als europäischer Macht” — ein Gedanke, den Außenminister Fischer in seinen Reden damals gern aufgriff, eine Idee, die noch weit in der Zukunft Geltung haben wird. Amerika ist eine europäische Macht, weil Amerika in Europa so mächtig ist — , aber auch weil Europa in Amerika so mächtig ist. Amerikaner sind letztendlich Neueuropäer, nicht Neuchinesen.

Holbrookes Bosnienfrieden rettete Menschenleben in diesem verschollenen Land. Wichtiger noch, dieser Frieden rettete das Projekt Europa and die Partnerschaft Atlantica. Holbrooke blieb immer dran — hartnäckig wie eine Bulldogge. Als Bill Clintons UNO-Botschafter gab er den Vereinten Nationen neue Bedeutung in der US-Außenpolitik, beschäftigte sich aber weiterhin intensiv mit dem Balkan.

Der waschechte Amerikaner Richard Holbrooke war arrogant und angeberisch wie kaum ein anderer. Er wollte machen, er wollte Macht, er war ein mächtiger Macher. Seine Ungeduld war aber erträglich, kombiniert wie sie war mit einem zutiefst patriotischen Glauben an der Verantwortung der Macht. Je mehr man hat, desto mehr muss man teilen — auch ein uramerikanischer Gedanke. Ein Vermögen hätte er anderswo verdienen können. Er wollte seinem Land dienen. Mit der Macht seiner Persönlichkeit wollte er die Ströme der Geschichte lenken.

Sein letzter Auftrag — Köpfe in Afghanistan und Pakistan zusammenzubringen, manchmal aneinanderzuschlagen, um ein bisschen mehr Frieden in dieser hochgefährlichen Nachbarschaft Eurasiens zu erringen — war kein einfacher. Um so wichtiger war er. Bürgerkrieg zwischen Taliban und Regierungen in Kabul und Islamabad hat er nicht stilllegen können. Der begabte Stratege und Diplomat wusste aber eins. Ein Problem einzudämmen, seine Eskalation zu verhindern, den Schaden zu minimieren, dies bleibt erste Priorität der Politik.

Selten in der Geschichte des Konflikts kommt die Möglichkeit, eine Zäsur zu ziehen, aus einem Krieg einen Frieden zu machen. Richard Holbrooke ist dies in Bosnien gelungen. Nach drei Jahren blutigster Kämpfe, nach der Einkesselung von Sarajewo und dem Massaker von Srebrenica, nach mehr als 100.000 Toten, ist es diesem Mann gelungen, in Dayton, Ohio, einen Frieden für Bosnien zu gewinnen. Ohne diesen Frieden sähe Europa heute ganz anders aus — Deutschland auch. Das Geburtsland seiner Mutter schuldet ihm Dank und Anerkennung.