20 Jahre nach 9/11

11/09/2021
Dr. Andrew Denison am 11. September 2001 bei phoenix TV

Nachdenken über die Terroranschläge auf die Türme des World Trade Centers und das Pentagon und ihre Auswirkungen auf Amerika und die vom Zweiten Weltkrieg geprägten Weltordnung

Terror-Angriffe kommen und gehen, doch die Nachkriegsordnung bleibt bestehen
Die Angriffe von 9/11, auch Amerikas militärisches Engagement in so vielen weit entfernten Bürgerkriegen, in Afghanistan und Irak, wie in Korea und Vietnam davor, haben die Konturen der Nachkriegsordnung nicht fundamental ändern können.


Die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs, die danach entstandene Staatenordnung, bestimmen weiterhin das Zeitgeschehen, sind prägender als staatenlose Terroristen, selbst solche, die weltweit mit Massenvernichtungswaffen operieren, prägender als die bisweilen brutale Überreaktion Amerikas auf die Anschläge von Al Qaida.


Terroristen sind eine punktuelle Herausforderung, nicht eine globale. Ohne Staat ist ihr Einfluss begrenzt, mit einem Staat müssen sie regieren, die Bevölkerung versorgen, sich vor Feinden verteidigen. Mit einem Staat sind sie mit den klassischen militärischen, wirtschaftlichen und politischen Mitteln unter Druck zu setzen. Man denke an das nicht langlebende Kalifat von ISIS in Irak und Syrien. Ohne Staat oder Territorium bleiben Terroristen primär ein Polizei- und Grenzkontroll-Problem.

Machtgleichgewicht in Eurasien erhalten
Die größte Herausforderung, die größte Gefahr für die Vereinigten Staaten von Amerika liegt anderswo. Seit Ende des zweiten Weltkrieges sind die Strategen, die Außenpolitiker Amerikas, am meisten darüber besorgt, dass die aneinandergrenzenden asiatischen Großmächte Russland und China, allein oder im Verbund, den euroasiatischen Kontinent, samt Westeuropa, Japan und Südkorea, wenn nicht Indien und Australien, dominieren könnten.


Interesse Nummer Eins für die Vereinigten Staaten ist daher, die autoritären, wenn nicht kommunistischen Regierungen Russlands und Chinas einzudämmen und abzuschrecken, wenn nötig—sie zu engagieren, oder auch zu spalten, wenn möglich.


Die nuklearbewaffneten Altimperien und Vielvölkerstaaten China und Russland stellen also eine andere Dimension von Herausforderung dar als die Terroristen von 9/11 oder London (2005), Paris (2015), Brüssel (2016), Abbey Gate (2021) oder anderswo.

Strategie Nummer Eins für die USA ist es, diese Aufgabe mit mehr oder weniger gleichgesinnten Partner und Verbündeten zu teilen—also den Staaten Europas, sowie Japan, Südkorea, Australien, Indien und andere. So lange diese Partner mehr Angst vor Russland und China haben als vor der USA, bleibt diese Strategie nachhaltig und ressourcenschonend.


Dieses „eurasische Konzert“ der auf- und absteigenden Staaten scheint vielen fragiler, weniger stabil zu sein als das „europäische Konzert“ des 19. Jahrhunderts. Doch die gegenseitige nukleare Abschreckung setzt Sachzwänge, die die Kriegsgelüste einhegen, die die Eskalation sowohl gefährlicher wie unwahrscheinlicher machen—meint man mindestens zu glauben.


Unter dem nuklearen Damoklesschwert streiten sich die Großmächte in und um Eurasien halt weiter. Wichtiger noch, diese Großmächte sehen sich voneinander bedroht. Der Erfolg der Demokratie, ob in Amerika, Europa, Japan oder anderswo ist eine Gefahr für Chinas Kommunisten und Russlands Kleptokraten. Chinas Wirtschaftswachstum, vor allem Chinas technologische Fortschritte, machen vielen im Westen Angst. Chinas Kommunismus, die Ansprüche auf das Südchinesische Meer, auch. Russlands Erfolg mit Propaganda und Zersetzung im Internet-Zeitalter macht kaum einen im Westen glücklich.


Bedingt durch diese bestehende russische und chinesische Herausforderung, betreiben die Amerikaner weiterhin eine globale, wenn halbherzige, stets von innen und außen angefochtene, kulturelle politische, wirtschaftliche, militärische Hegemonie. Der Berliner Mauerfall am 9. November 1989 hat dies nicht geändert, der Fall der Türme am 11. September 2001 hat dies nicht geändert, der Fall von Kabul im August 2021 auch nicht.


Diese Notwendigkeit der Amerikaner in Deutschland zu bleiben, etablierte sich am Rhein, in Remagen, in den Märzwochen 1945; machte sich permanent mit der Zündung der ersten Atombombe in Alamogordo, New Mexico am 16 Juli 1945; und wird weiter bestehen, solange Deutschland und die anderen Europäer mehr Angst vor China und Russland, wenn nicht sogar voreinander haben als vor den Vereinigten Staaten.

Mauerfall und militärischen Erfolg
Am Ende des Kalten Krieges sehnte man nach einem Ende der Großmachtpolitik Euroasiens, nach einer Friedensdividende. So verschwanden die Erinnerungen vom Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in Beijing mit den tanzenden Massen auf der Berlin Mauer. Sektflaschen statt Pilzwolken. Der Kalte Krieg war vorbei, wenn nicht ganz gewonnen, und China war den meisten egal.


Doch in Moskau und Beijing war Mauerfall und Wiedervereinigung kein wahrgewordener Traum, sondern Albtraum. So bleibt der 9. November 1989 für die Autokraten unserer Welt in Erinnerung.

Den 11. September 2001 sehen die Autokraten anders. Dort zeigt sich wie leicht der amerikanische Gigant sich provozieren lässt, wie leichtfertig das Land sich in entfernten Bürgerkriegen verheddern kann, seine eigenen Bürgerrechte, seine innere Einheit opfern. Als ob man nicht aus Vietnam hätte lernen können. Die Erinnerungen aus dem Dschungel von Vietnam verblassten ebenfalls im Rausch des Mauerfalls, um so mehr als eine westliche Militär-Koalition Saddam Husseins Armeen blitzschnell aus Kuwait hinaustrieb, als auf dem Balkan sich eine NATO, ein US-Militär zeigte, die das Blutvergießen beenden, die Mitschuld für Srebrenica wiedergutmachen konnten.


Zwar kandidierte George W. Bush im Jahr 2000 gegen Nation Building, machte Heu aus „Clintons Krieg“ auf dem Balkan, wo amerikanischen Truppen, so George W. Bush, nichts zu suchen hatten. Doch die einstürzenden Twin Towers zerstörten die Euphorie des gewonnen Kalten Krieges, rissen die gutgläubigen Weltbilder der Amerikaner und vielen anderen Länder auseinander. „Uneingeschränkte Solidarität“ versprach Bundeskanzler Schröder am Tag nach dem Angriff.

Terroristen jagen, Ursachen bekämpfen
Die Amerikaner zogen also in den Krieg, und zwar nicht nur mit voller Rückendeckung des US-Kongresses, (Authorisation for Use of Military Force), sondern auch mit Zustimmung der UNO und der NATO, mit „allen notwendigen Schritte“ gegen die, die Angriffe organsierten, und die, die die „sponsern“ (UNSCR 1368) vorzugehen. Blanco Scheck für einen Krieg ohne Sieg – so sagten viele damals; Terroristen wird es immer geben. Mehr noch, Terroristen jagen war für gut gesinnte, gutgläubigen Amerikaner nicht genug, vor allem nachdem Bin Laden entkommen konnte. Amerikaner wollten die Ursachen des Terrorismus bekämpfen, nicht die Symptome; es ging um die Root Causes, es ging um den „vernetzten Ansatz,“ es ging um das noch kurz zuvor verpönte nation building.


Doch die dafür notwendigen diplomatischen und finanziellen Mittel fehlten, so wurde das nation building dem Militär überlassen. NATO-Soldaten, also schwerbewaffneten „Ausländer“, sind für einen solchen Auftrag weder ausgebildet noch organisiert. Korruption ausrotten, Selbstregieren und Selbstfürsorge beibringen, staatliches Gewaltmonopol herstellen, Rechtsstaatlichkeit etablieren, für Nachhaltigkeit sorgen—für all diese wichtige Aufgaben sind Soldaten schlecht geeignet. Dies gilt umso mehr, wenn die Einheimischen solche westliche „Ertüchtigung“ nicht wünschen.


20 Jahre nach 9/11 ist der Afghanistan Krieg für Amerika und die NATO erstmal vorbei. Im Irak sieht es etwas anders aus. Dort will die jetzige Regierung in Bagdad doch einen gewisse Präsenz erhalten, weiß die Zerstörung des ISIS-Kalifat mit Hilfe der Amerikaner zu schätzen.
Mag sein, dass diese Präsenz in Irak erträglicher, nachhaltiger, ist als die amerikanische Präsenz in Afghanistan—schwer gelernter, im Sinne von Blut und Geld, auf jeden Fall. Geostrategisch ist Irak wichtiger als Afghanistan, als Ölförderer, als Dreh- und Angelpunkt im Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien, aber auch als ein Bollwerk gegen den russischen Einfluss in Syrien und die chinesischen Vorstöße in der gesamten Region.

Erfolge feiern, Lehren ziehen
Lehren sind schwer mitzunehmen, schnell zu vergessen, doch die zwanzig Jahre nach 9/11, wie die vierzig Jahre Friedensmuseum „Brücke von Remagen“, wie die 76 Jahre Frieden in Deutschland, bieten einige.


Erste Lehre: Die eigenen Erfolge sind nicht zu vergessen, sondern zu feiern. Der Frieden ist Europa in den letzten 76 Jahren weitgehend gelungen. Das Friedensmuseum Brücke von Remagen hat seit 40 Jahren Besucher aus aller Welt zum Nachdenken über den Erhalt dies Friedens gebracht. Die Angriffe von 9/11 haben sich nicht wiederholt, die militärischen Einsätze in Afghanistan und Irak brachten zwar Fehler ohne Ende (SNAFU im Militärjargon), doch vielen Menschen konnte dort in den letzten zwanzig Jahren geholfen worden. Frieden ist möglich, Fortschritt auch. Das sollte man feiern und nicht vergessen.


Zweite Lehre: Resilienz ist anzustreben. Auf gut Deutsch, man muss sich an Neuigkeiten anpassen können, Veränderungen wahrnehmen, mit Überraschungen umgehen. Nachteilige Überraschungen, wie 9/11 oder der schnelle Siegeszug der Taliban, oder die Flutkatastrophe im Ahrtal, erinnern uns an die Notwendigkeit solcher Resilienz. Vorteilhafte Überraschungen—wie die noch intakte Ludendorff-Brücke im März 1945 („ihr Gewicht in Gold wert“, sagte Dwight Eisenhower) oder 76 Jahre europäischer Frieden nach so vielen Jahrhunderten europäischer Kriege—fordern auch zügige, ausreichende, stets zu aktualisierende Anpassung.
Dritte Lehre: Überreaktionen sind zu vermeiden. Verhältnismäßigkeit ist zu bewahren, die Grundprinzipien und Interessen nicht außer Auge zu lassen. Unbeabsichtigten Konsequenzen sind nicht zu ignorieren. Krisen müssen im größeren Kontext gesehen werden. Taliban in Kabul heißt nicht das Ende des Westens.


Vierte Lehre: Alle haben ein Anteil. Seit 1945 herrscht ein langer Frieden, ein goldenes Zeitalter, wie es die Welt noch nie gesehen hat. Hierfür sind nicht nur die Diplomaten und Strategen, die so viele potenzielle Krisen abgewendet haben, zu feiern. Es gilt auch zu feiern, all die, die es auf sich genommen haben, an Konfliktlösung und Zusammenarbeit festzuhalten. So sind auch die zu feiern, die in den 20 Jahren vor 9/11 sowie in den 20 Jahren danach, daran arbeiteten, das Friedensmuseum Brücke von Remagen für die vielen Besucher offen zu halten, die Lehren des Museums an die nächsten Generationen weiterzugeben.