
Acht Thesen zum Verhältnis von USA, Europa, Ukraine und Russland
von Andrew Denison
1. Es ist Vladimir Putin noch nicht gelungen, die USA, die Europäer und die Ukrainer auseinander zu treiben – und das trotz Donald Trump.
Bei der Definition der Fundamente eines Friedens ist die westliche Seite erstmals in Einvernehmen. Gemeinsam will diese transatlantische „Koalition der Willigen“ eine „freie, souveräne und wohlhabende“ Ukraine sichern. Trumps Immobilienkumpel und Emissär Steve Witkoff spricht sogar von „Artikel 5“-ähnlichen Garantien.
2. Trump war schon immer ein Fan davon, europäische Streitkräfte als „peace-makers“ in die Ukraine zu verlegen.
Nun planen sogar NATO-Stäbe derartige Einsätze, um die Kampfkraft der Ukraine weiter zu stärken. Eine solche „europäische“ Truppe würde es Trump erleichtern, seiner Basis eine amerikanische Rückversicherung zu verkaufen – wie auch immer die Europäer diese verstehen mögen. Wichtig ist, dass der Frieden stabil genug ist, um Investitionen in die Start-Up-Nation Ukraine fließen zu lassen.
3. Allen, auch Trumps Team, ist nun noch klarer geworden: Putin will eine solche Sicherung der Ukraine durch den Westen überhaupt nicht – auch keinen Waffenstillstand.
Es ist allen auch noch klarer geworden, dass ein „Deal“, der eine souveräne, wohlhabende und in Frieden lebende Ukraine sichert, nur mit wesentlich mehr Druck auf Putins Russland zu erreichen ist. Putin muss verstehen, dass die Zeit nicht auf seiner Seite ist.
4. Trump ist ein Meister der widersprüchlichen Botschaften.
Seine Behauptungen sind stets schwer zu deuten – „Keep them guessing“. Wenn Trump jedoch auf Truth Social in Bezug auf die Ukraine behauptet, die beste Verteidigung sei der Angriff, dann weiß er, wovon er spricht. Wenn er von US-Unterstützung „aus der Luft” für eine Sicherheitsgarantie spricht, dann zeigt sich, dass er etwas von (militärischer) Hebelkraft versteht. Bei Trump und Putin könnte man denken „Gleich und Gleich gesellt sich gern.“
5. Was Trump sagt, ist weniger wichtig als wo seine Interessen liegen und wie er die Machtverhältnisse zu seinen Gunsten nutzen kann.
Eine bessere Geschäftsgrundlage mit Europa auf jeden Fall, eine Abkoppelung (ob wirtschaftlich oder sicherheitspolitisch) aber nicht – dafür sind die Europäer zu wertvollem Partner. Nobelpreis hin oder her: Es herrscht Konsens, dass Trump einen „Peace Deal“ und den damit verbundenen Ruhm will. Doch er muss dabei seine Basis bei der Stange halte, auch mit Versprechungen wie „Wir bezahlen nichts“.
6. Im transatlantischen Einvernehmen wird auch klar, wie sehr dies die Stunde Europas ist.
Im Ringen um Konsens über Auftrag und Aufgabenteilung finden die Europäer in der Unterstützung der Ukraine eine klare, konkrete und schnell skalierbare Rolle. Aufbauend auf den Strukturen, der Erfahrung und den Erfolgen der ukrainischen Streitkräfte bei der Zusammenarbeit mit der NATO wird eine schlagkräftige europäische Verteidigung entstehen.
7. Europa ist eine der wohlhabendsten und innovativsten Regionen der Erde.
Vor allem in ihrer technologischen Hebelkraft sollten die Europäer Russland überlegen sein. Mann für Mann, Patrone für Patrone können weder die Ukrainer noch die Europäer Russland Paroli bieten. Doch mit präzisen Waffen, die tief wirken, mit Drohnen, die im intelligenten Schwarm zuschlagen, und mit Informationsüberlegenheit, auch in der Offensive, könnten die Europäer ihre Stärken zeigen und ihre eigenen geostrategischen Vorteile zum Tragen bringen.
8. In der Sicherung eines ukrainischen Friedens können die Europäer ihren Einfluss konkret ausüben, ihre geostrategische Rolle erfüllen.
In ihren Erfolgen und ihrer Fähigkeit, sich selbst zu verteidigen, finden sie auch den Willen, sich selbst zu regieren, mit Zusammenhalt und Stolz – als Europäer.