01/01/2026

The Good, the Bad and the Ugly – Die Zukunft der Ukraine zwischen Anspruch und Wirklichkeit

The Good, the Bad and the Ugly: Ein europäischer Western mit Tiefgang?

von Andrew Denison

Seit Putins Maximalforderungen an die Ukraine und die NATO im Dezember 2021 und den zuletzt diskutierten Friedensplänen der Trump-Regierung, die zum Teil mit den Europäern und Ukrainern ausgehandelt wurden, zeigt sich immer dasselbe Muster. Anspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander – in Kiew, in Moskau, in Europa und in Washington. Leider bestimmen nicht Friedenswünsche den Verlauf des Krieges, sondern Machtverhältnisse.

Strategisches Denken bedeutet, Einfluss und Vision zu verbinden. Doch 2026 ist klar: Visionen nützen wenig, wenn sie nicht mit möglichen Szenarien abgeglichen werden. Das Denken in Szenarien schärft den Blick dafür, wie Taktik und Strategie aufeinander abgestimmt sein müssen.

Wie in Sergio Leones Italo‑Western „The Good, the Bad and the Ugly“ begegnen wir drei Grundlinien – moralisch unterschiedlich, aber alle im Kontext politischer Sachzwänge. Der klassische Western erinnert an eine unbequeme Wahrheit: Auch wer das Richtige tun will, bleibt in einer brutalen Welt nicht sauber.

Das Gute – Verantwortung statt Gesinnung 
Blondie, der „Gute“, weiß: Gutes hat einen Preis – auch einen moralischen. Ein Frieden nach dem aktuell diskutierten 20‑Punkte‑Plan mag für viele attraktiv erscheinen. Doch: Für die Ukrainer in den besetzten Gebieten wäre er kaum gut. Und für das Prinzip „Keine Grenzveränderung durch Gewalt“ wäre er gefährlich.

Das „Gute“ erfordert Druck auf Moskau – und damit Kosten und Risiken: Sanktionen gegen Energieexporte treffen den Westen wirtschaftlich. Die Beschlagnahmung der Schiffe der russischen Schattenflotte riskiert Gewalt. Mehr militärischer Druck durch den Westen ist teuer – und strategisch riskant. Die zentrale Frage lautet: Wann – und wodurch – kippt Putins Kalkül? Und was tut er noch vorher?

Das Böse – Skrupellosigkeit als Quelle der Macht
Angel Eyes verkörpert das Böse – und damit die Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten, die man kaum zu denken wagt. Dieser Krieg könnte noch viel schlimmer werden.

Putin könnte jederzeit Kernwaffen in der Ukraine einsetzen oder zumindest ernsthaft damit drohen. Er könnte glauben, dass ein Atombombentest den Westen spalten oder abschrecken würde. Putin könnte das Kernkraftwerk Saporischschja zerstören, die Ukrainer dafür verantwortlich machen und Europa mit einer beispiellosen Katastrophe konfrontieren.

Sollte Präsident Zelensky Opfer eines Attentats werden, könnte der ukrainische Staat zerfallen. Die Russen schauten dann zufrieden zu und der Westen kann nichts dagegen unternehmen.

In Chinas Wunsch, einen Sieg des Westens zu verhindern und Putins Niederlage entgegenzuwirken, könnte China wesentlich mehr Waffen liefern, Exporte kritischer Rohstoffe einstellen und sogar Taiwan drohen. Nordkorea und der Iran könnten sich ebenfalls vielmehr einmischen. Der Krieg wäre global.

Amerika könnte der Ukraine und Europa den Rücken zukehren (vor oder nach einem Waffenstillstand) und die Europäer könnten sich selbst nicht trauen, Russland allein zu konfrontieren. Sie schieben das Problem auf die lange Bank und lassen die Ukraine fallen. 

Das Hässliche – wenn gute Absichten scheitern
Der Krieg könnte ewig weiter gehen, weil weder die Amerikaner noch die Europäer, noch die Ukrainer oder die Russen bereit sind, die notwendigen Opfer zu bringen, um dies zu ändern. 

Die Amerikaner könnten sich zurückziehen. Wenn sich die Europäer jedoch dafür entscheiden, Russland allein zu konfrontieren, müssten sie sich auf Kriegswirtschaft, eine eigene nukleare Abschreckung und einen langen, zähen Konflikt mit dem gut gerüsteten russischen Nachbarn einstellen.

Alternativ könnte Putin eine „Frontenbegradigung“ akzeptieren und weiter im Amt bleiben. Er würde dann weiter aufrüsten und Russland sowohl innenpolitisch als auch ökonomisch auf den nächsten Konflikt vorbereiten. Ein Frieden in der Ukraine würde also ein revisionistisches, zersetzendes, gutbewaffnetes Russland als Nachbar Europas bedeuten.

Ein Frieden in der Ukraine könnte auch einen Bürgerkrieg in Russland nach sich ziehen, mit allen damit verbundenen Konsequenzen: Flüchtlinge, unkontrollierte Kernwaffen, Sezessionsbewegungen, islamischer Terrorismus. China wäre sicherlich daran interessiert, „sein” Territorium im Osten Russlands, einschließlich Wladiwostok, wiederzuerlangen. 

Auf das Gute zielen
Am Ende des Westerns stehen Blondie, Tuco und Angel Eyes in einer legendären Dreierkonfrontation – auf dem Friedhof von Sad Hill. Heute, übertragen auf Europa: Ein Schauplatz, der sehr an die Ukraine erinnert.

Der „Gute“ gewinnt – aber nur als „dirty son of a bitch“. Eine unbequeme Erinnerung daran, dass selbst, wenn das Gute zum Tragen kommt, man keinen Sieg ohne Schmutz erreichen kann, wenn das Gegenüber bereit ist, jede Grenze zu überschreiten.