Amerika braucht die Welt

12/04/2020
Screenshot Website Johns Hopkins University, Ostern 2020

Für die USA ist die Covid-19 Pandemie wie die Weltwirtschaftskrise, der japanische Angriff auf Pearl Harbor, die sowjetische Atombombe, der Kalte Krieg, 9/11, und der Wahlsieg von Donald Trump in einem. Und was nicht gut für die USA ist, kann auch nicht gut für die Welt sein.

Amerikanische Außenpolitik vor einem Trümmerhaufen
Die USA wird sich gewaltig ändern, doch die Welt noch mehr, und darauf muss sich die amerikanische Außenpolitik anpassen. Noch nie in der Geschichte waren so viele Menschen so plötzlich so stark von tiefgreifenden Veränderungen betroffen. Leben gehen verloren, Lebensgrundlagen schwinden schneller als je zuvor. Ein Tsunami der globalen Reaktion rollt auf Amerika, auch auf den reichen Westen, zu. Die Abermilliarden der nicht so Gesunden und Beglückten stehen nicht einfach still – sie wollen vor den Krisen flüchten, Richtung Europa und Amerika ziehen. Die Regierungen der Welt berechnen ihre Möglichkeiten und Notwendigkeiten neu, handeln dabei weniger kalkulierbar.

Nichts seit dem Zweiten Weltkrieg stellt die amerikanische Außenpolitik vor solch schwierige Entscheidungen mit solch großen Konsequenzen, wie diese Pandemie samt ihren wirtschaftlichen und geopolitischen Konsequenzen es tut. Außenpolitische Kompetenzen sind von den Amerikanern gefragt, doch die amerikanische Regierung kann den wachsenden Notstand im eigenen Land kaum bremsen. Insoweit wie eine Außenpolitik überhaupt zu erkennen ist, kommt wenig mehr als reflexartige America-First-Denke gegen China, Europa und Mexiko.

Unvorbereitet, gezwungen zum Umdenken
Wie bei Pearl Harbor am 7. Dezember 1941, wie am 11. September 2001, wie beim Kollaps von Lehman Brothers am 15. September 2008, steht Amerika wieder völlig überrascht und unvorbereitet da. Ob dieser kranke, manisch-depressive Riese wieder aufstehen, sich auf das Neue wappnen, vielleicht sogar die Welt zusammenbringen kann, um den neuen, globalen Bedrohungen der Pandemie und der Weltwirtschaftskrise Paroli zu bieten, ist die wichtigste Frage unserer Zeit. Vorerst dreht sich dieser Riese verwirrt und halbblind um sich selbst, und nimmt die anderen Riesen dieses kleinen Planeten kaum war.

Die Beziehungen zwischen den Regierungen der Welt, ihre Zusammenarbeit und ihre Konflikte erleben mit der Covid-19 Pandemie einen Jahrhundertschock. Corona zwingt auch Amerikas Regierende dazu, schnell neue Geschäftsgrundlagen mit den Großen und Kleinen dieser Welt auszuarbeiten—auch wenn Amerikas politische Klasse zurzeit nicht besonders dazu begabt ist. Für Deutschland, abhängig vom amerikanischen Markt und amerikanischer Macht wie kaum eine andere Großmacht, sind Ideen gefragt, und die Lehren, die die Deutschen mit sich tragen: aus der Bewältigung der Flüchtlingskrise, der Eurokrise, der Großen Rezession 08/09, den 9/11-Terrorangriffen, den Balkankriegen, und – mit Bezug auf Dimension und Konsequenz – vor 30 Jahren in der Zeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung.

Es herrscht Ungewissheit. Wo sind die neuen Notwendigkeiten, wo die Gefahren? Wichtiger noch, wo sind die neuen Möglichkeiten? Wo ist der Weg nach vorn? Was gilt es neu aufzubauen?

Die Weltordnung vor Covid-19
Bisher sah die Weltordnung in mancher Hinsicht so aus wie vor 70 Jahren – geprägt und gesichert durch die USA in Kooperation mit Europa, Japan und vielen anderen Staaten und in Konkurrenz mit den Atommächten und Altimperien Russland und China. Hier bestand weitgehend Kontinuität, ein modus vivendi, eine geübte Geschäftsgrundlage der Koexistenz und der Konkurrenz. Doch einiges hat sich schon in den letzten 70 Jahren geändert.

Jetzt kommt ein Schock wie keiner bisher. Welche Wirkung hat Covid-19 auf dieses internationale System? Wo gibt es Kontinuität, wo Wandel, wo Kooperation, wo Konflikt, wo Aufstieg, wo Abstieg?

Zurzeit gibt es mehr Fragen als Antworten, doch alle diese Fragen scheinen sich unter einer zu subsumieren: Kommt die Welt in noch größerer Zusammenarbeit und Solidarität zusammen? Oder fällt die Welt in Streitigkeiten zwischen den Staaten und den Menschen auseinander?

Die Weltwirtschaft retten heißt zusammenkommen
Sind die globale Arbeitsteilung und der Reichtum, den sie ermöglicht, noch zu halten? Die Pandemie zerstört nicht nur Leben, sondern Existenzen. Wie sind die klassischen Steuerungsmechanismen von Nachfrage und Angebot, ob fiskal oder monetär, in neuer Kombination und mit klarer Kenntnis der globalen Konsequenzen weiter einzusetzen? Wie können wir der Zusammenarbeit in den wichtigen Wirtschaftsgruppen der reichen Welt wie G-7 oder G-20, aber auch Weltbank und IWF, größere Bedeutung geben?

Für Deutschland und die EU ist die Koordinierung mit Jerome Powell, Chef der US-Notenbank, vielleicht am wichtigsten, denn ohne Dollar-Liquidität und Dollar-Euro-Stabilität ist die Weltwirtschaft kaum am Leben zu halten.

Die wirtschaftliche Interdependenz der globalen Lieferketten steht auf dem Prüfstand. Kann dieses System die katastrophalen Engpässe der Notversorgung überwinden? Effizienz ohne Redundanz, ohne Rücklagen – dieses Modell sieht jetzt gefährlicher aus. Stellen sich Innovation und Produktion um? Wird die Welt global innovieren, aber lokal produzieren?

Sind die Tech-Giganten (Alphabet, Amazon, Facebook, Microsoft) Teil der Lösung oder Teil des Problems? Kommen die globale Innovation und Produktion zusammen, um die neue Nachfrage schnell zu decken, oder bricht das ganze System in sich zusammen?

Neue Machtverhältnisse geopolitisch verarbeiten heißt Vertrauensbildung fördern
So wichtig der gemeinsame Erhalt des globalen Wirtschaftens für das Überleben aller Regierungen ist, so sehr sind die Regierungen der Welt – wenn auch nicht immer ihre Bevölkerungen – dazu geneigt, ihre Macht und ihren Einfluss absichtlich auf Kosten anderer zu erhöhen, also jede Schwäche der anderen auszunutzen. Internationale Zusammenarbeit und Solidarität ist schwieriger, riskanter, weniger steuerbar – doch auch enorm gewinnbringend: Weniger Krieg, mehr Wirtschaften, weniger Kranke, mehr Kunden.

Können die Großmächte bei ihren strategischen und ideologischen Kämpfen eine Auszeit ausrufen und einhalten? Haben sie ein gemeinsames Interesse an der Bekämpfung der Pandemie,  dem Erhalt der Weltwirtschaft und der Vermeidung einer Eskalation der militärischen Konflikte der heutigen Zeit – ob latent wie mit Nordkorea und dem Südchina-Meer, oder manifest, wie im Nahen Osten und Nordafrika, oder der Ukraine? Können sie so zusammenarbeiten wie Washington und Moskau bei der sogenannten nuklearen Rüstungskontrolle im Kalten Krieg? Oder fällt die internationale Politik einfach von der Tagesordnung weg?

Washington, zumindest, scheint vorerst mit der katastrophalen Lage im eigenen Land beschäftigt zu sein. Ob die anderen Hauptstädte der Welt noch viel Bandbreite für Außenpolitik übrighaben, bleibt vorerst fraglich. Doch je länger dieser Krise andauert, desto größer werden die Machtverschiebungen, desto größer die Ängste, desto risikoreicher das Handeln, desto bedeutender die geopolitischen Konsequenzen.

Staaten und Gesellschaften sind auf diese neuen Herausforderungen unterschiedlich gut vorbereitet. Einige zeigen sich anpassungsfähig, andere nicht. Bringen Erfolg und Misserfolg eine neue Hackordnung der internationalen Politik? Oder bleiben die Starken stark und die Schwachen schwach?

Stehen wir vor einer neuen internationalen Ordnung der Selbsthilfe auf Kosten der Nachbarn – beggar-thy-neighbor politics – oder wird die Macht der Koalitionsbildung wichtiger als je zuvor?
 
Die Macht miteinander
Die Macht ist nicht nur im Gegeneinander, sondern auch im Miteinander zu erlangen. Die einen sind zur Zusammenarbeit, wenn nicht Großherzigkeit und Vertrauen bereit, die anderen nicht. Welche machtpolitische Bedeutung hat die Besetzung der moralischen Höhen in der heutigen Welt? Gewinnt der, der die meisten Hilfslieferung entsendet? Gibt es „Soft Power“ in Zeiten von Covid-19 oder ist alles nur Propaganda? Russland und China scheinen mit Propaganda in den sozialen Netzwerken vorne zu liegen. Bringt die Wissenschaft (und der damit verbundene freie Austausch von Information) Macht, oder nur Verwirrung? Wer steht besser da, die mündigen Bürger oder der mächtige Staat? Die reaktive Demokratie oder die vorgeplante Autokratie? Sind Wahlen in diesen Zeiten gut oder schlecht?

Also, im Nebel des Gefechts kann man trotzdem behaupten: In der künftigen Welt gewinnt der mit der besten Story, den meisten Freunden, und den nettesten Nachbarn. Und am meisten gewinnen alle, wenn alle Staaten und Völker Freunde sind, wenn alle nette Nachbarn sind. Amerika braucht die Welt und die Welt braucht Amerika.

Doch die Regierenden der Welt wissen, dass ihre Macht, ihre Kontrolle auf dem Spiel steht, auch manchmal auf Kosten anderer. Sie wissen, Wohlstand ohne Anbindung an einen funktionierenden Weltmarkt ist kaum vorstellbar.  Die Russen und die Chinesen wissen das wahrscheinlich besser als die Europäer und die Amerikaner. Wo es hingeht, welche neue Geschäftsgrundlage entstehen wird, ist noch offen. Was alle, ob Großmacht oder kleiner Mann, tun sollten:  falsche Wahrnehmungen meiden, Transparenz erhöhen, die Sicht der anderen achten.

Sternstunde der Diplomatie
Kriegsschiffe und Kernwaffen nutzen zurzeit wenig, außer andere davon zu überzeugen, keine militärische Flucht nach vorn zu wagen. Jetzt ist die Sternstunde der Diplomatie, um die wirtschaftliche und wissenschaftliche Zusammenarbeit zu untermauern, um die Gefahr der kriegerischen Eskalation einzugrenzen.

In der Verwirrung ist es wichtig, sich an die Grundprinzipien zu erinnern, an den Leitgedanken des globalen Zusammenlebens der Nachkriegszeit, auch in der Überwindung des Kalten Krieges in Europa und Deutschland. Mit Covid-19 wird die Welt weniger offen, mehr zerstritten, sagen uns viele. Dagegen zu wirken, Offenheit zu erhalten, Vertrauen zu bilden, also Frieden, und Freiheit und Wohlstand gemeinsam mit anderen zu fordern und fördern sollte zur Hauptaufgabe amerikanischen Strategie werden. Nur so ist der in den letzten 75 Jahren gewachsene Frieden, Freiheit und Wohlstand für Amerika, für die Welt zu erhalten.

Um die künftige globale Herausforderung gewachsen zu sein, braucht Amerika eine Welt der Zusammenarbeit, wie die der Nachkriegszeit—und die Welt braucht ein Amerika wie das der Nachkriegszeit, denn – wie Winston Churchill über Amerika gesagt haben soll – man kann sich immer auf die Amerikaner verlassen, das Richtige zu tun, nachdem sie alles andere versucht haben.