Die besten Tage

20/11/2012

Von Andrew Denison

Eine große Nation hat gewählt und die besten Tage dieser Nation stehen ihr noch bevor – so Barack Obama bei seiner Siegesrede in Chicago. Ein wiedergewählter Präsident muss das sagen. Es könnte aber wahr sein. Schaut man Land, Volk, Markt und Staat der USA im November 2012 an, so muss man feststellen: Nirgendwo auf dem Planet ist eine nationale Zukunft so nachhaltig. Keine andere Großmacht ist so gut gewappnet für die ungeheuren Umwälzungen der nächsten Jahrzehnte.

Das ist gut so, denn Deutschland wäre vom Niedergang der USA besonders stark getroffen. Als europäische Großmacht, umzingelt von europäischen Kleinmächten auf einer verwundbaren Halbinsel eines verwilderten asiatischen Megakontinents, wäre der Niedergang dieser großen amerikanischen Nation für Deutschland nicht weniger als eine totale Katastrophe. Amerika würde seinen „Niedergang“ in Isolation überleben, das fragile Europa nicht.

Den Niedergang Amerikas zu prognostizieren zeugt nicht von Antiamerikanismus, wohl aber von mangelndem Wissen. Um aus seiner Partnerschaft mit Amerika alles heraus zu bekommen, was möglich ist, muss Deutschland ehrlich mit sich selbst sein und das Machtpotenzial erkennen, das die Amerikaner der Welt zur Verfügung stellen könnten. Klassische Kategorien helfen bei der Bemessung dieses Machtpotenzials. Es geht um Land, Volk, Markt und Staat.

Land
Amerikas Erfolg ist möglicherweise der Gunst der Geografie zu verdanken, nicht dem Genie des Volkes. Die amerikanische Geografie bietet Standortvorteile wie nirgendwo sonst. Zwei Ozeane geben noch lange Sicherheit und Zugang zu den Großstädten der Weltmärkte. Die besten Häfen der Welt – sowie das riesige Flussverkehrssystem des Mississippi – verbinden amerikanische Standorte mit fast allen Menschen eines sehr maritimen Planeten.

Ressourcenreichtum, besonders bei den neuen Energien, bietet Amerika in diesen globalisierten Zeiten eine Machtbasis ohne gleichen—wann auch immer die USA zu Ölproduzent Nummer Eins wird. Schon heute wird Steinkohle aus Wyoming in China verbrannt. Dieser Energie-Reichtum ist aber nur die Hälfte der Geschichte. Laut der US Energy Administration, sind die C02 Emissionen der USA im Jahr 2012 auf dem Niveau von 1992 angekommen. Hier wurde Staatsgeld in die Innovationen des unkonventionellen Erdgases (Fracking) gut investiert. Auch ohne Obergrenzen und Emissionshandel ist Strom durch Gasturbinen nicht nur billiger, sondern auch sauberer als herkömmliche Steinkohle.

In der lebendigen Konkurrenz zwischen Stadt und Land, zwischen Vorort und Metropole, bietet dieser amerikanischen Kontinent mehr vernetzten, erschlossenen Wohnraum, mit allen verbunden Standortvorteilen, als irgendeine andere aufstrebende Großmacht—trotz fortlaufendem Verfall der amerikanischen Infrastruktur. College Towns und Megalopoli bieten mehr als genug Platz für die einwandernden Millionen und ihre neuen Einfamilienhäuser mit Doppelgarage.

Volk
Das amerikanische Volk ist alles andere als im Niedergang. Es wächst und gedeiht. Eine Million eingebürgerte Neuamerikaner jedes Jahr, mit einer Geburtenrate von durchschnittlich 2,1 kommen noch mal mehrere Million jährlich dazu. Gerne wird man Amerikaner, gerne macht man Amerikaner. Im Jahr 2000 gab es 281 Millionen US-Bürger. In dieser Wahlwoche, nach der US Population Clock sind es, 314,746,445 (legale). Im Jahr 2050 wohnen weit mehr als 400 Millionen US Amerikaner auf diesem Kontinent. Kanada und Mexiko wachsen ebenfalls schnell, und bringen nochmals fast 200 Millionen in der NAFTA-Region dazu. Die Arbeiterschaft Chinas schrumpft und wird älter, auch die Japans, Russlands, und Deutschlands. Das junge Amerika hingegen wird mächtiger als je zuvor.

Was das amerikanische Volk will – also dieser berüchtigter Amerikanische Traum – ist unserer Welt nicht ganz fremd. Life, liberty, and the pursuit of happiness ist der Sirenengesang, der niemanden kalt lässt. Wie man in den Medienindustrie behauptet: Content is King. In den Köpfen seiner Einwohner, in der Software, liegt der künftige amerikanische Einfluss. Die amerikanische Kultur steht als einladende Möglichkeit, als revolutionierende Macht, als wegweisender, aber auch abstoßender Bezugspunkt in der Deutung einer sehr komplizierten Gegenwart. Diese Kultur nimmt seine Triebkraft aus einer nicht zu löschenden Neugier, dem unersättlichen Wunsch nach neuen Erfahrungen und neuem Besitz—ob als Statussymbol oder Zeitsparer. In dieser amerikanischen Kultur liegt die aufgestaute Nachfrage des nächsten Booms.

Dieser menschliche, dieser leidenschaftliche Wunsch nach mehr hört nicht an der amerikanischen Küste auf. Er erstreckt sich über den ganzen Planeten. Ein steigender Meeresspiegel ist Realität und Metapher zugleich. Amerika kann diesem Tsunami der neuen Nachfrage nur gewachsen sein, wenn es den vielen verzweifelten, aber doch weiter von Hoffnung getriebenen Seelen der unterentwickelten, überbevölkerten Regionen dieser Welt entgegenkommt. Eine helfende Hand ist Anfang vieler guten Dinge. Existentieller: Die Nachhaltigkeit dieses neu-europäischen, ur-amerikanischen Traums ist für die Reichen dieser Welt nur dann gesichert, wenn sie auch den Armen zugänglich ist. In unserer Zeit kann niemand diesen Zugang so ermöglichen wie das global engagierte amerikanische Volk–natürlich im atlantischen Verbund des doch noch sehr atlantischen Weltmarkts.

Markt
Allerlei Verzerrungen, und jene, die daraus Gewinn machen, prägen Amerikas sehr komplexe, vernetzte, globalisierte Wirtschaft. Aufschwung und Absturz treiben diesen von Stürmen der kreativen Zerstörung durchzogenen Marktplatz. Die vorübergehende Flaute der Baubrache soll nicht von den tragenden Säulen dieser gigantischen 16-Billionen-Dollar US-Wirtschaft ablenken. Amerikaner werden reicher durch die Fortune 500 Platzhalter wie Exxon Mobile (2011, 28 Prozent gewachsen auf $452.9 Milliarden,) Walmart (2011, 6 Prozent gewachsen auf $447 Milliarden), Chevron (25 Prozent auf $245 Milliarden), und mehr wie ConocoPhillips, General Motors, General Electric, und Berkshire Hathaway. Die produzierende Industrie stirbt ebenfalls nicht aus. Experten erwarten eine Renaissance der herstellenden Zünfte, vor allem großes Wachstum im Bereich der Mikrofabriken, der 3D-Druckereien, der Pharmakologie und der sauberen Energie. Amerikanische Exporte steigen – um 30 Prozent in den letzten vier Jahren. China wird teurer – billige Arbeitskraft und externalisierte Sozial- und Umweltkosten sind vorübergehende Erscheinungen, keine nachhaltige Wirtschaftsstrategie.

Amerikaner werden reicher durch die enorme Zahl der mittelständische Zulieferer der Großunternehmer. Amerikaner werden reicher durch die Effizienz der Angebotsketten dieser Ozeane verbindenden Containerverschiffungszentrale—Logistik für den globalen Standort. Amerikaner werden vor allem reicher im nicht-materiellen Teil der Wirtschaft. Die Freiheit und die Sicherheit, die Datennetzwerke zu fördern, bleibt Kernkompetenz. Die intelligente Vernetzung der Daten und Anwendungen in der Cloud, die Auswertung der exponentiell steigenden Datenmengen (Big Data) sowie die Bedienung der bevorstehenden Breitband-Smartphone Vernetzung aller 7 Milliarden Erdbewohner—alle bringen große neue Zukunftsmärkte. Nicht nur Apple und IBM zeigen uns: Wo was erfunden wird, zählt mehr als wo was gemacht wird. Hier ragen die komparativen Vorteile der Amerikaner hervor, ob in Produktentwicklung, Vermarktung, Finanzierung, Organisation, Führung, Versicherung, oder Wiederverwertung.

Amerika als primus inter pares ist nicht nur Zukunftsmusik im Jahr 2060—nach OECD Prognose. Heute steht dieser lang angeschlagene amerikanische Markt wieder in den Startlöchern. Selbst Fareed Zakaria, Autor des Bestsellers „Das postamerikanische Zeitalter“ notierte die guten Zahlen der IWF über die USA in seinem Leitartikel „The US Economy is Recovering Well.“ Der Konsument hat seinen Schuldenberg abgezahlt. Seine Häuser fangen wieder an, mehr wert zu sein. Die Banken sind wieder solide—und haben Staatsdarlehen mit Zinsen zurückbezahlt. Zudem produziert diese Wirtschaft zwar real das Gleiche wie 2008, aber mit 4,2 Millionen (3 %) weniger Arbeitern. Das war eine harte Diät, aber die Aktienpreise steigen. Dow Jones ist vom Tiefpunkt 6600 im März 2009 auf fast 13.000 Punkten—nicht weit von dem Rekordhoch von 13.600 vom Oktober 2007. Die Pensionsaktien der 68er Generation sind wieder sicher. Sicherheit haben auch die vielen Nutznießer dieser Wirtschaft in einer ganz wichtigen Hinsicht. Sie wissen jetzt, wer der nächste Präsident sein wird, wissen auch, das „Obamacare“ bleibt, ebenso wie die neuen Bankengesetze.

Amerika bleibt Weltmarkt, Weltbank und Weltberater. Leistungsbilanzdefizite sind Entwicklungshilfe und die US Zentralbank gilt noch lange als Kreditgeber letzter Instanz—die andauernde Weltwirtschaftskrise hat die Reserverolle des Dollar nur gestärkt. Auch Europa weiß eine offene Kreditlinie bei der US Zentralbank zu schätzen. Diese amerikanische Wirtschaft steht nicht vor dem Niedergang—auch wenn sie über die Fiskalkippe geht.

Die dann drohende Kürzung der Staatsausgaben und Erhöhung der Steuern würde diese Wirtschaft nicht lahmlegen. Manch schlauer Beobachter in Amerika meint, dies wäre sogar der beste Weg. So oder so, die amerikanische Innovationswirtschaft würde sich bald erholen. Mit einer Staatsquote 2011 von 41,7 (BRD 45,7) gibt es noch Spielraum. Als Blauäugiger, meine ich, die Fiskal-Klippe bietet eher Chance als Gefahr. Eine überparteiliche Einigung auf Steuererhöhung, Steuerreform, Ausgabenkürzungen und Defizitabbau—ohne Zerstörung des Verteidigungshaushalts—ist höchstwahrscheinlich. Die Klippe wird zur Startrampe. Genug Geld gibt es schon. Jetzt brauchen die Amerikaner die Zuversicht, es auszugeben. Von Tiefpunkt im Oktober 2011 von 17 Prozent ist der Anteil der Amerikaner, die meinen, Amerika sei auf dem richtigen Weg, auf 40 Prozent gestiegen. Die Fiskal-Startrampe treibt diese Zahl nach oben, ebenso wie eine erwartete überparteiliche Einwanderungsreform („Mexikaner jagen“ bekommt somit endlich eine völlig andere Bedeutung unter künftigen Republikaner…).

Absturz und Aufschwung—ein uraltes amerikanisches Marktmotiv. Diese schwer zu zügelnde, fast manisch-depressive Goldrauschwirtschaft, angefeuert von einem doch sehr erfolgshungrigen Volk, braucht seine Zivilisierung. Dieser Markt braucht einen Staat, der Rechtsstaatlichkeit, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit immer wieder neu begünstigen, befördern, und letztendlich sichern kann.

Staat
Amerika ist ein Land, in dem jede bevorstehende Präsidentschaftswahl die wichtigste aller Zeiten ist. Amerika ist ein Land, wo jeder Präsidentschaftswahl eine gespaltene Nation wie nie zu vor aufzeigt. Amerika ist ein Land, wo der Niedergang der Demokratie schon immer beschworen wurde. Viel Lärm um nichts. Die verlässliche Weitergabe der Macht über die letzten 200 Jahre erinnert uns an Churchills Diktum – man kann sich immer auf die Amerikaner verlassen, das richtige zu tun, nach sie alles anderes versucht haben. Doch ist die Politik dieser letzten Supermacht nicht ohne Konsequenz, auch wenn Land, Volk und Markt die Möglichkeiten der Politik erst eröffnen—oder versperren.

Trotz Widerspruch und Gegensatz ermöglicht diese amerikanische Regierungsform die Staatskunst, widerwilligste Wählerschaften unter einen Hut zu bringen. Nicht Vielvölkerstaat, sondern eine globale Nation mit einer Verfassung, die immer noch erstaunlich gut auf ihre Bürger passt. Auch im 21. Jahrhundert scheint dieser Regierungsform ihre Nachhaltigkeit zu genießen.
Der US-Wahlkampf 2012 hat kein apolitisches Volk gezeigt, keine Politikverdrossenheit, sondern einzigartiges Engagement eines hochmobilisierten Bürgertums— es wurden 6 Milliarden Dollar gespendet, aber auch an fast hundert Millionen Türen geklopft. Geld in der Politik ist Sauerstoff für die politische Willensbildung. Je mehr desto besser. Und der reichste Kandidat mit den größten Spendern verliert öfter als er gewinnt (sorry, Romney, Koch Brothers, und Co…). Geld kann eben auch stinken.

In einem Land, wo Politik mehr Leidenschaft als Beruf ist, erklärt dieses politisches Geld warum an diesem Wahldienstag doch mehr als 123 Millionen Amerikaner wählen gegangen sind. Wichtiger als Geld sind im Internetzeitalter die vernetzten Nachbarschaften, die man organisieren kann wie nie zuvor. Die besten Tage des mündigen amerikanischen Cyber-Aktivisten stehen noch bevor. Nachbarschaft für Nachbarschaft, zu Hause und in der Welt, mit Bill Gates und Waren Buffet und Millionen anderer Ehrenamtlicher unterwegs – so bleibt die amerikanische Philanthropie ein elementarer Teil der amerikanischen Politik.

Trotz Blockade ist diesem Staat in den letzten Jahren einiges gelungen. Diesem Staat war es möglich, Amerikas Banken und Autoindustrie zu retten, Konjunkturpakete und gigantische Haushaltsgesetze zu verabschieden, eine nationale Krankenversicherung zu etablieren, Schwule im Militär zu legalisieren, die Ratifizierung eines nuklearen Abrüstungsvertrags mit Russland zu ratifizieren, und nicht zuletzt, den Abzug aus Irak und Afghanistan zu bewerkstelligen—und gleichzeitig alle anderen Bälle einer sehr komplizierten Welt im Spiel zu halten.

Gigantische Schulden haben sich in dieser Zeit angehäuft. Der Schuldenberg ist unter Obama von 10 auf 16 Billionen Dollar gestiegen. Allerdings haben solche Staatschulden eine andere Bedeutung als in Deutschland. Mit rapidem Bevölkerungswachstum, anständigem Wirtschaftswachstum und sehr billigem Geld aus China macht es schon Sinn, Schulden zu machen—nicht für eine Rente mit 50, aber doch für Bildung und Forschung, für Gesundheit und Gerechtigkeit. Hier droht auch keine Erpressungsgefahr. China braucht Amerika mehr als umgekehrt, denn Amerika kann auch anderswo sein Wirtschaftswachstum, seine politische Stabilität suchen. Noch lange braucht China Amerika als Markt und Bank und Quelle überlebenswichtiger Technologie. Noch lange bleibt der Dollar Reservewährung Nummer Eins–und so lange kann Amerika zur Not Dollarschulden mit der Druckpresse begleichen.

Begrenzte und transparente Staatsmacht, Presse- und Meinungsfreiheit, Trennung von Kirche und Staat, oder einfach Life, Liberty and the Pursuit of Happiness. Diese Prinzipien sind allzu oft in Amerika verletzt und getreten worden, und doch inspirieren und mobilisieren sie weiterhin die politischen Seele dieses Volks. Mit diesen Prinzipien, mit dieser Staatsform, ist Einheit in der Vielfalt immer wieder neu zu gewinnen—und diese Gabe kommt vielen Menschen zugute in einer globalisierenden Welt. Trotz seiner Mängel scheinen sich nur die wenigsten einen Niedergang dieses amerikanischen Staatsmodels zu wünschen. Die USA bleibt Leuchtturm, wenn nicht immer Garant, einer zunehmend zivilisierten, demokratischen Welt.

Die letzte Supermacht
Amerika bleibt die letzte Supermacht. Selbst eine Weltregierung ist wahrscheinlicher als der Aufstieg einer anderen Supermacht, die die amerikanische Führungsrolle ersetzen könnte. Und wie schon immer ruht amerikanische Macht auf europäischer Macht. Alle Probleme dieses 21. Jahrhundert sind einfacher zu lösen, wenn Amerika und Europa sich zusammen tun. Ein mündiges Europa, groß und geeint, offen und weltweit engagiert – das wünscht sich Amerika. Dass die besten Tage Europa noch bevorstehen, auch das hofft Amerika. Finden die Europäer die notwendige Einheit in der Vielfalt, um dies zu vollenden? Hier setzt das ewig optimistische Amerika vor allem auf den Erfolg der deutschen Staatskunst.