Die chinesisch-amerikanische Beziehung auf dem Prüfstand

08/05/2020
100 Dollar-Note mit Benjamin Franklin (rechts), 100 Yuan-Note mit Mao Zedong

Covid-19 macht die Welt weniger offen, zerstrittener und noch gefährlicher. Kenner der Geschichte und der Geopolitik läuten die Alarmglocken. Dagegen zu wirken, Offenheit zu erhalten, Vertrauen zu bilden, also Frieden, Freiheit und Wohlstand gemeinsam mit anderen zu fordern und zu fördern, sollte zur Hauptaufgabe amerikanischer Strategie werden. Nur so ist das die letzten 75 Jahre anhaltende Goldene Zeitalter für Amerika, für die Welt zu erhalten.

Wo kann die globale Zusammenarbeit zum Erhalt des Wohlstands, der Freiheit und des Friedens anfangen, wo soll sie hingehen? Am 8. Mai ist die Prägnanz dieser Fragen von besonderer Relevanz. Um sie zu beantworten, muss man die Bedeutung der US-chinesischen Beziehung für die gegenwärtige Zeit erörtern. Kaum etwas ist für die Zukunft des Planeten wichtiger. Deutschlands weitere Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten hängt signifikant von den Beziehungen dieser beiden Giganten ab.

Viele Kommentatoren und Außenpolitiker sehen in der mangelnden Zusammenarbeit der zwei Weltriesen das Bedauernswerteste an dieser Krise. Peking und Washington schieben sich den schwarzen Peter hin und her. Dies scheint ihnen wichtiger zu sein, als die gemeinsame Vorbereitung auf die katastrophalen wirtschaftlichen Konsequenzen der Pandemie und als die Gefahr einer Eskalation ihrer geostrategischen Konflikte, vor allem auf einem von politischen Erdbeben erschütterten euroasiatischen Kontinent samt dem Nahen Osten und dem enormen Afrika.

Atomkrieg vermeiden
Doch bevor man über Zusammenarbeit sprechen kann, muss man über die Gefahr und die Konsequenzen einer weiteren Eskalation der gegenwärtigen Konflikte zwischen China und USA sprechen. Zu Beginn sollte in Erinnerung gerufen werden, dass das wichtigste bei den Beziehungen zwischen USA und China, auch bei der Zusammenarbeit, die Vermeidung des Atomkriegs ist, und nicht nur zwischen einander, sondern auch zwischen den anderen sieben Atommächten dieser Welt. Vier von denen sind Nachbarn Chinas (Indien, Pakistan, Russland, Nordkorea). Dazu kommen Frankreich, Großbritannien und Israel.

Die Gefahr ist klein, aber die Konsequenzen sind groß. Der atomare Frieden ist nicht alles, aber ohne atomaren Frieden ist alles nichts, pflegte Willy Brand zu sagen. Die Atommächte mögen ja alle die Gefahr reduzieren wollen — ohne aber selbst Einfluss aufzugeben. Keiner will bei der gemeinsamen Vertrauensbildung mehr als der andere riskieren, was auch erklärt, warum die Transparenz der atomaren Absichten und Kapazitäten in den Jahrzehnten stark zurückgegangen ist. In der Krise, der Pandemie, in der man nicht weiß, wie die eigene Sicherheit bedroht werden könnte, ist es noch schwieriger, Fehlperzeptionen zu meiden und eine Stabilität zu erlangen, in der keiner auf den Gedanken kommt, die Raketen fliegen zu lassen, bevor der andere es tut.

Konkurrenz ohne Eskalation
Konfliktpotenzial identifizieren und reduzieren, Transparenz und Zurechenbarkeit praktizieren — hier ist die Zusammenarbeit zwischen USA und China von existenzieller Bedeutung. Der atomare Frieden muss gewährleistet werden. Doch die Konkurrenz der beiden Systeme, in ihrer Staatsform und in ihrer Vorstellung der künftigen Weltordnung, geht weiter.

Viele reden von der Pandemie als einer Beschleunigung der Geschichte, also der gegenwärtigen Trends — ob in Richtung Konflikt oder Kooperation. Auf jeden Fall stellt diese Krise eine Prüfung für alle Regierungen der Welt dar. Selbst in der Zusammenarbeit stehen die Regierungen in Konkurrenz zu einander.

Bei den USA, mit ihren noch übrig gebliebenen Freunden, und China mit seinen neugewonnenen Freunden trifft dies besonders zu. Ein Wettbewerb der Systeme steht vor, in dem die Art der Anpassung und die Agilität der Reaktion, die Verhältnisse zwischen Reichtum und Armut, zwischen Macht und Ohnmacht neu aufgestellt werden, die Möglichkeiten, andere zu beeinflussen, auch. So einen Prüfstand gab es schon lange nicht mehr.

Niemand hat ein größeres Interesse am Ausgang dieser Prüfung der Systeme als die Länder, die als die größten Gewinner der letzten 75 Jahre Frieden hervorgegangen sind: Japan und Deutschland.