Die Zukunft Amerikas

11/08/2012

Von Andrew Denison

USA at night

2012 scheinen wir eines zu wissen: Früher oder später ersetzt China Amerika als Weltmarkt Nummer Eins. Der Aufstieg Asiens folgt. Amerika steigt ab, beschäftigt sich mit sich selbst, so die These. Die Europäer? Sie schauen nur zu, arrangieren sich so gut sie können mit dem neuen großen Markt, der Macht am anderen Ende Eurasiens. Nur, im 21. Jahrhundert geht es um mehr als die Rangordnung in der Weltwirtschaft.

In den kommenden Jahrzehnten geht es zuerst um grundsätzliches. Bleibt der Mensch Subjekt seines Schicksals, der Staat sein Diener, „Government of the people, by the people, for the people?” Oder geht die Geschichte einen anderen Weg? Braucht der Mensch doch nicht die Freiheit und Selbstverantwortung? Geht es nur noch um Fleiß und Fließband im Namen der Gemeinschaft, der Nation, der Partei? Schaltet nur noch die Partei die Gespräche und Geschicke der Menschen? Ist das chinesische Model wirklich nachhaltiger, menschenwürdiger?

Nein. Eine andere Welt ist im Kommen—behaupte ich als optimistischer Amerikaner, als bescheidener Deutscher. Eine Pax Atlantica für eine Pax Humana. Amerika steigt auf, statt unterzugehen. Und das ist gut so — für Europa und für die Welt. Das 21. Jahrhundert wird ebenfalls ein amerikanisches. Amerika als letzte Supermacht in einer Zeit des globalisierten Regierens. Die Geschichte der nächsten 50 Jahre, bis 2060, wird davon geschrieben, wie die anderen Staaten und Völker der Welt sich auf das neue Amerika einrichten, im Austarieren zwischen Zusammenarbeit und Opposition, in wechselnden Koalitionen mit und gegen den Koloss—letztendlich aber alle zusammen auf dem Weg zu einer sicheren, freien, wohlhabenden, nachhaltigen Weltzivilisation. Die Welt bleibt USA-bezogen. Amerika steht weiter als einladende Möglichkeit, als revolutionierende Macht, als wegweisender, aber auch abstoßender Bezugspunkt in der Deutung einer sehr komplizierten Gegenwart.

Diese Tatsache ist mehr als ein Luftschloss. Die Fundamente stehen richtig für eine USA, die in den nächsten Jahrzehnten, wenn nicht durchs ganze Jahrhundert, weit vor allen anderen Machtzentren der Welt stehen wird — vor allem in ihrer Fähigkeit die nötigen Koalitionen zu organisieren, die den Schutz der globalen Gemeingüter des Global Commons—Umwelt, Marktplatz, Dorffrieden, Wissensbasis — gewähren können. Und nicht zu vergessen, amerikanische Macht ruht weiterhin auf europäischer Macht. Das wachsende Europa in einer schrumpfenden Welt ist eindeutig mächtig, mächtiger als alle anderen Staaten der Welt—außer einem. Europa bleibt aber in den nächsten fünf Jahrzehnten allzu sehr mit seinem komplizierten Selbst beschäftigt — checks and balances hoch siebenundzwanzig — um Führungsmacht einer globalisierenden Welt zu sein. Europa bleibt verwundbarer Brückenkopf auf einem noch sehr verwilderten asiatischen Kontinent, der über 10 Zeitzonen bis zum Pazifik reicht. Trotzdem wird Europa Amerikas bester, manchmal Amerikas einziger Partner sein, in einer doch sehr europafreundlichen Welt.

Der asiatische Kontinent verspricht Reichtum aber auch Chaos — wie seit Millennien. Die Anrainerstaaten des heutigen Europas haben noch keine nachhaltigen Modelle für das Wertschöpfen im 21. Jahrhundert gefunden, keine begrenzte, balancierte Rechtsstaatlichkeit, keine Einheit der ungeheuren Vielfalt von Ethnien, Sprachen, Regionen, Staaten und Städte. Doch wollen die meisten der vielen Milliarden Menschen zwischen Europa und dem Pazifik so leben wie die reichen, gesunden, weitgehend mündigen Bürger Europas.

Diese ist keine einfache Herausforderung, aber wohl die zentrale einer nicht nur nachhaltigen, sondern auch friedlichen globalen Zivilisation. Darauf kommt es an für die heutigen sieben Milliarden, und deren Nachwuchs, die bis 2060 die Erde mit mehr als neun Milliarden Seelen beglücken werden. Damit kommt eine neue Nachfrage, die uns heute noch völlig unvorstellbar bleibt—aber auch ein neues Angebot, ein Reichtum an menschlicher Intelligenz. Denn nur durch immer intelligenter vernetzte Einsichten und Ideen der heranwachsenden Generationen sind die morgigen Herausforderungen zu bewältigen.

Um für Europa eine friedliche, freie, wohlhabende und nachhaltige Zukunft zu fördern, ist es notwendig, die Verhältnisse der morgigen Welt zu verstehen, die Wirkungsmöglichkeiten der Nationen in einer Zeit der beschleunigenden Globalisierung realitätsnah zu erkennen, und sie immer neu zu erkunden.

Für Deutschland, für Europa (und auch für Amerika) ist eine der wichtigsten Fragen: Welche Rolle spielt die USA? Dies geht alle an, Deutsche ganz besonders. Um aus seiner Partnerschaft mit Amerika alles heraus zu bekommen, was möglich ist, muss Deutschland ehrlich mit sich selbst sein, über das wahrhafte Machtpotenzial, das die Amerikaner der Welt zur Verfügung stellen könnten.

Mit diesen Fragen beschäftigt sich zur Zeit Transatlantic Networks in seinem Projekt „Wozu Amerika: Deutschland und die Zukunft amerikanischer Macht.