In Anerkennung von Glück und Einsatz

07/03/2020
Vor 75 Jahren nahmen US-Soldaten die Ludendorff-Brücke ein

Dr. Andrew B. Denison
Remagen, 7. März 2020

Meine Damen und Herren, Ladies and Gentlemen, sehr geehrte Gäste, ich danke Ihnen für die Ehre, an diesem Tag vor Ihnen sprechen zu dürfen. Wir haben uns hier versammelt, um unsere Gedanken zurück in jene Frühlingstage des Jahres 1945 schweifen zu lassen, in denen der Krieg in ganz Europa wütete. An Deutschlands westlicher Grenze verhinderte der Rhein, dass dieses vom Krieg verwüstete Land von den Alliierten eingenommen werden konnte, um dem Dritten Reich ein Ende zu setzen.

Hier an den Ufern dieses ewigen Flusses, am 7. März 1945, einem regnerischen Mittwochmittag, ergab sich eine glückliche Gelegenheit. Abgekämpfte und durchnässte Einheiten der 9. gepanzerten US-Division, die auf einem Hügel oberhalb der Kirchturmspitzen von St. Apollinaris standen, erblickten eine intakte Brücke, die sowohl den Übergang zum Ostufer, als auch zu allem was dahinter lag, ermöglichte. Das war zwar nicht Teil des Plans, doch der amerikanische Lt. Karl H. Timmerman (ein Amerikaner deutscher Herkunft) bekam ein schicksalhaftes „OK“ von General William M. Hoge. Bald war die Brücke eingenommen.

Im Krieg gewähren solche glücklichen Momente aber nur eine kurze Atempause von der allgegenwärtigen Tragödie.

Der Krieg forderte seinen Tribut an diesem Ort, der Stadt Remagen. Ihre Einwohner starben, wurden begraben, verbrannt, als Feuer vom Himmel fiel, als die Amerikaner diese Brücke zerstören wollten. „Diese verfluchte Brücke“, so nannten diejenigen sie, die unter den endlosen Bombenangriffen zu leiden hatten.

Doch dann war die Brücke in amerikanischer Hand.

Soldaten – in Zügen, Kompanien, dann Bataillonen und Regimenten – der 9. gepanzerten, der 9., der 78., der 99., eilten über die Brücke. 10 lange Tage, 240 Stunden lang, trug die Brücke die schwere Last müder Füße, das Rattern und Dröhnen einer endlosen Schlange von Fahrzeugen, beladen mit Kriegsgerät. Sie sei „Ihr Gewicht in Gold wert…“ so meinte General Eisenhower. Dann fiel die Brücke in den kalten, dunklen Rhein und riss 28 US-Soldaten mit sich.

Die Brücke war zerstört, die Überquerung jedoch geschafft. Die alliierten Kräfte befanden sich in einer günstigen Position für den letzten Vorstoß tief ins deutsche Kernland.

Dennoch, das Glück, das diese Brücke eröffnete, wäre nichts wert gewesen, wäre da nicht der große Einsatz dieser Männer, dieser Soldaten gewesen, die gerade erst als Ersatz angekommen waren oder einfach bisher Glück gehabt hatten, das alles – die D-Day Invasion, den Marsch durch Frankreich, die Schlacht am Hürtgenwald –  zu überleben.

Sie sammelten sich hier in Remagen – unter Beschuss. Sie überquerten den Fluss – unter Beschuss. Sie stießen im Brückenkopf auf der anderen Seite vor – unter Beschuss. Sie verloren ihr Leben – unter Beschuss.

Ihre Körper wurden geschunden, von Einschlägen verletzt, von brennendem Stahl zerschnitten; diese jungen Männer waren an einem fernen Ort, einem Ort, der in diesen Tagen das Grauen sah, einem Ort, den die Überlebenden niemals vergessen würden.

Heute ist es ein Ort idyllischer Schönheit, an dem die vielen Besucher den beruhigenden Rhythmus des Rheins genießen. Hier in Remagen erleben fröhliche Gäste den Rhein der Boote und Fahrräder, den Rhein des guten Weins, den romantischen Rhein – Vater Rhein. Es ist ein fröhlicher Ort, aber dennoch auch ein Ort, der im Schatten jener blutigen März-Tage liegt, an denen sich Glück und großer Einsatz trafen um Geschichte zu machen, für eine bessere Zukunft.

Eine grausame Schlacht zog sich über fast drei Wochen hin, bis diese amerikanischen Soldaten die letzten Verteidigungslinien der Wehrmacht durchbrachen. Was dann folgte, war eine der größten Einkesselungen der Militärgeschichte – bekannt als der Ruhr-Kessel. Hätte es kein Wunder von Remagen gegeben, hätte es keinen Ruhr-Kessel gegeben, gäbe es auch kein Deutschland, wie wir es heute kennen. 

Glück in Zeiten des Unglücks, diese Überquerung. Eine Überquerung, die auch durch den großen Einsatz jener Männer in diesen entscheidenden Tagen möglich gemacht wurde, denen wir als Amerikaner und als Deutsche großen Dank schulden. Vielen Dank.

Hätte man damals, 1945, gedacht, dass Deutsche und Amerikaner heute in einem friedlichen Kontinent, in einem sich ausdehnenden Europa der Freiheit und Demokratie, einem Europa des Wohlstandes und der Freigiebigkeit, wie es die Geschichte noch nie gesehen hat, zusammen stehen würden – hätte man sich damals solche Dinge vorgestellt, wäre das in der Tat blauäugig gewesen.

Dennoch schlossen Europa und Amerika sich zusammen, mit Glück und großem Einsatz, durch Jahrzehnte des Wiederaufbaus und der Teilung. Ein freies Berlin war umgeben von einem roten Meer, von Panzer-Armeen, die mit Stalin kamen und mit Gorbatschow wieder gingen. Europäer und Amerikaner beendeten den Kalten Krieg, öffneten den Eisernen Vorhang und erlangten die deutsche Einheit in Freiheit. Große Teile des Sowjet-Reiches gliederten sich ein in die atlantische Welt. 

Das robuste Nordatlantik-Bündnis fand neue Aufgaben: Die Beendigung der brutalen Sezessions-Kriege auf dem Balkan; die Vergrößerung, um 10 ehemalige Sowjetblock Staaten; der Aufbau Afghanistans. Doch alte Aufgaben gingen nicht weg. In Ukraine sehen wir heute ein Russland, das sich Vorteile aus militärischen Vorstößen zu sichern weist.  

Trotz Donnergrollen am Horizont rund um Europa, verwandelte sich das Deutschland von 1945 in das Deutschland von 2015—mit Glück und großem Einsatz. Das Deutschland, in dem ich heute lebe ist ein guter Ort. Ich wohne im kleinen Dörfchen Pleiserhohn – zwanzig Kilometer nördlich von hier, zwanzig Kilometer bewaldeter Hügel und tiefer Schluchten, zwanzig Kilometer, für die US-Schützen zwei Wochen schwerer Kämpfe benötigten, um sie zu überwinden. Das war damals.

Das Deutschland, in dem meine Kinder aufwachsen, ist ein freundlicher, warmer, menschlicher und großzügiger Ort – es ist eine Gesellschaft, die die Früchte der Freiheit und eine gute Regierung in einem friedlichen und geeinten Europa genießt. Es ist ein Land, das ich mittlerweile wie mein eigenes Land liebe.

(Die Unterschiede liebe ich auch – die Unterschiede zwischen dem Rheinland und meiner Heimatstadt Laramie, Wyoming, zu deren hohen Prärien ich fast jeden Sommer gerne zurückkehre.)

In diesem Sinne war das Bemerkenswerteste am Zweiten Weltkrieg der Frieden, der danach folgte, denn er hat überdauert, ist gewachsen und definiert heute den Standard, den große Teile der Welt anstreben. Wie ein Phönix, der sich aus der Asche zweier Weltkriege erhebt, waren Europa und Amerika im Aufbau von Frieden, Freiheit und Wohlstand, wie ihn die Welt noch nie erlebt hat, gemeinsam erfolgreich.

Die Erinnerung an den Krieg stärkt die Hoffnung auf Frieden. Glück und großer Einsatz können diesen Frieden Realität werden lassen. Für den Frieden braucht man Glück, denn der ist nicht einfach. Für den Frieden braucht man Geld, denn der ist nicht billig. So wird es auch in der Ukraine und im Nahen Osten sein.

In Remagen, in den beiden Türmen, die einmal die Ludendorff-Brücke trugen, befindet sich ein Museum über den Krieg und über die Hoffnung auf Frieden. Die Räume dieses Museums sind zu einem großen Brückenbogen über den Atlantik geworden. In den Türmen treffen sich Amerikaner und Deutsche, und viele andere Weltbürger, um zu gedenken und zu hoffen. Sie wenden sich in ihren Herzen und Gedanken den Teilen der Welt zu, die auch heute noch so von Krieg zerrissen sind, wie es dieser Ort in jenen Märztagen 1945 war.

In den 40 Jahren seit seiner Gründung sind das Museum und sein Auftrag zu einem Teil dieses Ortes geworden. Dieses Museum hat viele Augen und Herzen geöffnet, indem es an den Krieg erinnert und für den Frieden spricht, unter dem Motto „Lasst uns jeden Tag mit Geist und Verstand für den Frieden arbeiten. Beginne jeder bei sich selbst“. 

Die Brücken, die durch dieses Museum gebaut wurden, sind von vielen, mit Glück und großem Einsatz gestützt worden. Diese Gründer und Brücken-Bauer gilt es zu würdigen. 

Vor fünfundsiebzig Jahren, am 7. März 1945, begannen junge amerikanische Soldaten den Rhein zu überqueren. Die Feuer des Krieges sollten noch 61 lange Tage über Europa hinwegfegen bis sie schließlich an dem Tag der Tage gelöscht wurden, dem 8. Mai.

Wir feiern die Neuanfänge, die er möglich machte. Wir feiern das Glück und den großen Einsatz derer, die so viel erreicht haben – und die es so viel gekostet hat. Wir ehren die Männer, die diese große Bürde getragen haben, Männer die ein langes Leben im Schatten dieser unvergesslichen Tage hinter sich haben, die ihre Jugend vernarbte. Ich hoffe, dass sie auch in dem Wissen gelebt haben, dass das atlantische Wunder ihr Werk war, dass der Frieden, der sich über all diese Jahrzehnte in Europa ausgebreitet hat, ihr Frieden ist.

Mit Glück und großem Einsatz wird meine Generation und die meiner Kinder in der Lage sein dieses Erbe aufzunehmen und diesen atlantischen Frieden zu einem wirklich weltweiten Frieden zu vergrößern. Indem wir uns dieser Herausforderung stellen, können wir von dem Wunder, das Europa geworden ist, und durch das Glück und großen Einsatz derer, die den Krieg gewonnen haben und danach für den Frieden gekämpft haben, nur bestärkt werden.

Ich sage also Dankeschön, an die Veteranen, sowie an Ihre Freunde und Familie. Ich sage danke schön, an die deutsche Bevölkerung für die erstaunlichen Erfolge der letzten 75 Jahre. Einer diesen Erfolgen war die Realisierung des Friedensmuseums Brücke von Remagen vor 40 Jahre. Ich sage danke schön, für diesen Remagener Friedensmuseum, danke für diese wertvolle Brücke zwischen Deutschland und Amerika, für diese wertvolle Brücke zu all den friedenssuchenden Menschen der Welt.