Polen: Deutschlands unverstandener Nachbar?

07/03/2020
Gesprächsrunde am 5. März 2020 in Köln

Warum tun wir uns so schwer, die politischen und kulturellen Ereignisse in Polen nachzuvollziehen? Über diese Frage diskutierten am 05. März im Kölner Presseclub Andrew Denison, Direktor Transatlantic Networks Königswinter, Michael Lingenthal, Vorsitzender der Deutsch-Polnisches Gesellschaft Köln-Bonn und Marcin Barcz von der Bartoszewski Initiative Warschau. Moderation: Dr. Hildegard Stausberg, Vorstand Kölner Presseclub e.V. und Journalistin.

Unterstützt wurde die Veranstaltung von der Konrad-Adenauer-Stiftung und dem Colloqium Humanum. Eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte:

– Laut Michael Lingenthal haben die Deutschen ihre Nachbarn schon immer nur in Extremen wahrgenommen. „Entweder waren sie für uns die Helden oder die Schurken“, sagte er. Diese Diskrepanz gehe zurück bis in das Jahr 1831. Damals hatte sich das polnische Volk gegen die russische Herrschaft aufgelehnt und damit auch in Deutschland für Begeisterung gesorgt. Doch nur wenige Jahre später wurden Polen Lingenthal zufolge in Karikaturen als Schmeißfliegen und Scharben dargestellt.

– Marcin Barcz und Andrew Denison halten nicht mangelndes Verständnis für das größte Problem in den Deutsch-Polnischen Beziehungen, sondern die Konsequenzen die beide Seiten aus ihren Erkenntnissen ziehen. „Wir haben eigentlich kein Problem damit, Polen zu verstehen – uns fehlt nur häufig der Wille“, sagte Marcin Barcz. Andrew Denison ergänzte: „Wir verstehen sehr gut, dass wir unterschiedliche Interessen und Prioritäten haben, die Frage ist viel mehr, was machen wir daraus?“

– Andrew Denison sieht zudem wirtschaftliche Gründe für das schlechte Verhältnis beider Länder. Deutschland habe einen großen Handelsüberschuss mit Polen und investiere dort gleichzeitig weniger als die Polen in der Bundesrepublik. „Solange wir solche Missstände nicht angehen, wird sich das Verhältnis nicht ändern“, sagte er.

– Auch die Gaspipeline Nord Stream 2 von Russland nach Deutschland belaste die Beziehung. „Ich persönlich halte Nord Stream 2 für einen Fehler“, sagte Michael Lingenthal. Es hätte andere Möglichkeiten für die Energieversorgung Deutschlands gegeben – etwa schlicht die bestehenden Leitungen besser auszubauen. Mit Hilfe der Pipeline kann Deutschland Gas direkt von Russland beziehen. Polen befürchtet unter anderem, dass Russland das Erdgas damit noch stärker als politisches Druckmittel einsetzen kann.

– Kulturell stehen die jüngsten Entwicklungen in Polen ebenfalls unter keinem guten Stern. „Wir erleben von der PIS den Versuch eines kulturellen Wandels. Das Geht weit über die Justiz hinaus“, schilderte Lingenthal. Und die ablehnenden Reaktionen aus Deutschland würden viele Polen in ihrer kritischen Sichtweise gegenüber der Bundesrepublik nur bestätigen.

(c) Kölner Presseclub (https://www.facebook.com/RheinischeDialoge)