Von No Future will ich nichts wissen!

16/10/2012

Von Andrew Denison

No Future

Wo bleibt die Zukunft in diesem amerikanischen Wahlkampf 2012? Müssen wir die Vergangenheit endlos neu bestreiten? Wo bleibt der amerikanische Traum, dieses Bild einer immer besseren Zukunft? Wohin soll Amerika in den nächsten vier Jahren, in den nächsten vier Jahrzehnten? Das will ich von den beiden Kandidaten um den Posten des amerikanischen Präsidenten, Barack Obama und Mitt Romney, wissen.

Manche Wähler, manche Weltbürger, so denke ich, wollen weniger von den Fehlern der Vergangenheit als von den Möglichkeiten der Zukunft hören. Wo ist der Regenbogen, wo der Topf von Gold? Wo sind die blühenden Landschaften? Wofür machen wir diesen Wahlkampf? Ich will von den Kandidaten wissen, welche Welt wir unseren Kindern überlassen können.

Der Präsidentschaftswahlkampf 2012 verbringt zu viel Zeit mit den Erfolgen und Misserfolgen von gestern. Amerika verdient besseres, die Welt auch. Unbeantwortet bleibt die Grundfrage unserer Zeit: Ist der amerikanische Traum noch nachhaltig, für Amerikaner selbst, und natürlich auch für die anderen Bürger einer schrumpfenden Welt?

Die Zukunft des Regierens
Lässt sich der Amerikaner überhaupt noch regieren? Und ist er bereit seine Regierung zu bezahlen? Ist eine 223-Jahre alte Verfassung noch zeitgemäß? Kann der amerikanische Staat sich ändern, sich verbessern? Kann das Land seinen Gründungsvätern treu bleiben, sich immer wieder eine „perfektere Union“ zu erarbeiten?

Ich will von der Zukunft des Regierens hören. Wie sieht die gut regierte, nachhaltige und sichere USA aus—in unserer sich radikal verändernden Zeit?

Bildung bringen
Ein gut regiertes Amerika fördert ein Bildungsangebot, das den aufbrechenden Welten der Informationsrevolution gewachsen ist. Sinn und Unsinn der unbegrenzten Information – nur Bildung bietet ein Weg durch diesen Datennebel. Bildung ein Leben lang, um mit Moore´s Law mitzuhalten, um die neuen Lücken der Nachfrage und Wertschöpfung besser zu füllen. Bildung ist Software in einer softwaregetriebenen Welt. Nur in einer Zukunft der immer besseren Bildung sind die Erfindungen zu erwarten, die eine saubere Umwelt mit einem weltweit radikal wachsenden Energiebedarf vereinbaren können. Hier ist Partnerschaft zwischen Staat und Bürger essenziell, und immer wieder neu auszurichten.

Gesundheit geben
Eine gut regierte USA erarbeitet und erforscht sich eine menschliche Gesundheit, eine Humanmedizin, wie die Welt sie noch nie gesehen hat. Amerikaner wollen nicht alt werden. Die 68er hören auch mit 68 nicht auf, wollen immer weiter arbeiten, Wert schöpfen, Welten gestalten. Und das ist gut so. Auch für die Kinder, die sich nicht unbedingt Couch-Kartoffel-Senioren leisten möchten und können. Länger arbeiten und Wert schöpfen schont die Staatskassen wie kaum etwas anderes. Mit Revolutionen der Mikrobiologie, der Genetik, der Nanotechnologie, wird das Altwerden sich radikal verändern. Fragen Sie die neusten Nobelpreisträger, was sie von dieser Zukunft halten. Und vor allem, fragen Sie ihren Kandidaten!

Infrastruktur ausbauen
Ein gut regiertes Amerika erbaut sich immer wieder eine bessere Vernetzung seiner Wertschöpfer. Von der Ohio Road über die transkontinentale Eisenbahn zum Internet und der Kontainerverschiffung, ist ein gut regiertes Amerika eines, das die Möglichkeiten der amerikanischen Geografie zu nutzen weiß.

Im Jahr 2000 281 Millionen stark, ist die USA heute mit 313 Millionen Bürgern beglückt. Bis 2050 kommen mindestens 100 Millionen mehr dazu. Die amerikanische Infrastruktur muss dieser Entwicklung gerecht werden. Die Menschenwürde, aber auch die Naturwunder der USA, verdienen nichts weniger.
Amerikanische Großstädte werden Weltstädte, weltverbundene Wertschöpfungszentren, getragen von den post-industriellen Vororten, umzingelt von den Grüngürteln der neuen Biotope. Vororte, Dorfgemeinschaften, kleine College Towns erstrecken sich durch das ganze Herzland. Menschenleer und meilenweit sind Prärie, Wüste, und Berge. Platz genug gibt es für das neue Einfamilienhaus, den Vorgarten und die Doppelgarage. Standorte genug gibt es für die 100 Millionen neuen Bürger, die bis 2050 zu erwarten sind. Welcher Kandidat weiß diese Zukunft der neuen Wertschöpfungszentren besser zu nutzen?

Und nicht so ganz nebenbei: Da alle Weltbürger etwas von unserem wachsenden Wohlstand abhaben wollen, ist diese Regierungskunst besonders wichtig. Die gigantische Herausforderung, eine globale Infrastruktur für 7 Milliarden, bald 9 Milliarden Menschen zu bauen, ohne unseren kleinen, fragilen Planeten mit einem unbewohnbaren Klima zu belasten, das ist natürlich auch eine Frage des amerikanischen Könnens. Es geht um die Software, aber auch um die Hardware der nächsten Revolution der Materien. Von Drei-D-Druckern und Nanotechnologie bis zu Roboterformationen, die Elektrizitätswerke, Kläranlagen, und schöne, saubere Autos und Häuser für alle Erdbewohner immer billiger, schneller und sauberer bauen können—die Produktion der Produkte bleibt nicht stehen.

Energiequellen entdecken
Ein gut regiertes Amerika nutzt sein Potential, billige, saubere, allen zugänglichen Energiequellen zu entdecken. Energie ist in den Köpfen der Menschen, sagt uns Energie-Guru Daniel Yergin in The Quest. Aber auch die Ideen von George Mitchell, der Vater des „Frackings“, wären zu nichts gekommen ohne Staatsknete. Jahrzehntelang nutzte er die Zuwendungen, bevor seine Ideen Früchte trugen. Jetzt erlebt Amerika eine kleine Energierevolution. Die CO2-Emissionen der USA sind auf den Wert von 1992 gefallen—obwohl die Wirtschaft in den letzten 20 Jahren durchschnittlich real um fast drei Prozent gewachsen ist. Dieser Trend muss erhalten bleiben. Wichtiger noch, dies muss exportierbar sein. Mit Wind, Solar, auch sauberen Gas und „clean coal“, sowie intelligenten Stromnetzen und allerlei anderen Technologien kann Amerika vielleicht sogar eines Tages mit Deutschland in diesem wichtigen, wachsenden Weltmarkt mithalten. Von den Kandidaten möchte ich hören: Der amerikanische Traum ist heute in einer Revolution der Energietechnologien zu finden! (Natürlich getragen, wie schon immer in Amerika, von ein bisschen „Made in Germany.“)

Einwanderung gut gestalten
Ein gut regiertes Amerika weiß Amerikas Einwanderer für Wirtschaftswachstum und globalen Einfluss geschickt zu benutzen. Einwanderungspolitik ist eine immer wichtigere Kernaufgabe des Staates. Arbeiten, dienen, Kinder erziehen – Amerikas Einwanderer sind nicht nur Segen, sondern Kerngeschäft dieser globalen Nation in einer globalen Zeit. Gehegt und respektiert bringen die neuen Amerikaner unvorstellbaren Reichtum mit sich. Einheit in der Vielfalt. E pluribus unum. Die Dream Kids und die Million jährlich neu eingebürgerten Amerikaner sind die Zukunft des American Dream. Mit ihnen wird Amerika mächtiger—dies möchte ich von Romney und Obama hören.

Die Zukunft sichern
Letztens ist keine Regierung nachhaltig, die nicht schützen kann. Die Bürger und ihren Reichtum, sowie ihre weltweiten Freunde und Partner (die so zu diesem Reichtum beitragen), sie alle zu schützen bleibt auch im 21. Jahrhundert zentrale Staatsräson. Sicherheit wird aber künftig mehr als ein erstklassiges Militär verlangen. Zu sichern sind nicht nur die Weltmeere und Lufträume, sondern auch die Informationsräume einer informationsgetriebenen Welt.

Zukunftsdenken ist gebraucht, um die Kybernetik—Rückgrat der modernen Zivilisation—zu sichern, ohne deren Wertschöpfungspotential zu zerstören. Der totalitäre Staat darf den Cyberkrieg nicht gewinnen. Informationsfreiheit mit Informationssicherheit zu vereinbaren, hierfür sind neue Denkstrukturen gefordert, wie nur ein sich kreativ entfaltendes, ständig neu vermischendes Freiheitsmekka wie Amerika sie finden kann. Ich will die Zuversicht eines gesicherten Informationsreichtums.

Währenddessen bleibt die Verbreitung moderner, ziviler Rechtsstaaten die vorsorglichste Form der Sicherheitspolitik. Ohne das kontrollierte Machtmonopol eines Rechtsstaates bleiben alle guten Regierungsbeziehungen nur sehr schwer erhalten. Zwar schreibt Robert Kaplan im neuesten Werk zum amerikanischen Untergang, The Revenge of Geography, dass drei große Herausforderungen Amerika stürzen werden: Der Nahe Osten, China, und Mexiko. Das bezweifele ich. Trotzdem will ich von den Präsidentschaftskandidaten wissen, wie sie dafür sorgen werden, dass die Welt von morgen eine Regierungsform hat, die eher wie die jetzige amerikanische (oder europäische) als die jetzige chinesische, mexikanische oder arabische aussieht.

Das Fördern der begrenzten, transparenten Staatsmacht ist weder einfach noch billig. Aber hat Amerika eine Alternative? Kann Amerika weiterhin Frieden, Freiheit und Wohlstand genießen, ohne dass die anderen Bürger der Welt sich dies auch versprechen können? Konkreter gefragt: Wo liegt die Zukunft des arabischen Frühlings? Die Zukunft der europäischen Nachbarn, Russland, Weißrussland und der Ukraine? Wie sehen die amerikanischen Beziehungen mit China in zehn Jahren aus? Was machen wir mit den chinesischen CO2 Emissionen?

Am Ende ist eines in der Geopolitik klar. Der mit den angenehmsten Nachbarn und den besten Freunden gewinnt. Und Amerika hat noch beides. Die Europäer sind Amerikas beste Freunde. Keine Großmacht des 21. Jahrhunderts wird einflussreicher sein als diese Europäer—außer einer.
Ja, die Kandidaten sollten auch mehr über die Zukunft dieser atlantischen Schicksalsgemeinschaft, dieser so sehr gelungenen Pax Atlantica, zu sagen haben. In einer Zeit voller neuen Möglichkeiten haben Europa und Amerika zusammen immer noch am meisten zu bieten.